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3. April 2020

#14

Wonach die Welt verzweifelt sucht

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©Kristina Makeeva

Die Leidensgeschichte Jesu des Markus-Evangelium ist eine Männergeschichte, meint zumindest Eugen Drewermann. Alles was dort passiert, wurde von Männern geplant und ausgeführt, bemerkt er in Die Botschaft der Frauen. Erst ganz am Ende, unter dem Kreuz wird es langsam still, leer und weiblich. In den entscheidenden Stunden am Ölberg, „als eine Finsternis über das ganze Land kam und Jesus mit lauter Stimme schrie: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, sind nicht die Jünger bei Jesus, sondern: ein paar Frauen. Sie trotzen in der härtesten Bewährungsprobe ihres Glaubens der männlichen Zerstörungswut, einzig und allein mit der Herrschaft ihres femininen Seins. Ist es nicht auch das, wonach die ganze Welt so verzweifelt sucht? 

Untergangsstimmung liegt in der Luft. Hass, Heuchelei und Verwirrung treiben ihr unheilvolles Wesen. „Da suchten die Hohen Priester und die Schriftgelehrten, wie sie Jesus mit einer List festnehmen und töten könnten“ (Mk 14,1). Nach und nach geben sich die kleinen, usurpierten Egos vieler zerrissener Seelen zu erkennen. Geknechtet von Stolz und Größenwahn, versklavt von Neid und Eitelkeit nehmen sie Platz auf dem Richterstuhl ihrer Einbildung. Sie sind dabei, zum Fluch zu werden für alle. Für die eigene gequälte Seele. Für die tief in sich gespaltene Gesellschaft. Für die ganze Welt. 

Judas Iskariot zum Beispiel, einer der Zwölf, ging zu den Hohepriestern. „Er wollte Jesus an sie ausliefern. Als sie das hörten, freuten sie sich und versprachen, ihm Geld dafür zu geben. Von da an suchte er nach einer günstigen Gelegenheit, ihn auszuliefern“ (Mk 14,10-11). Oder Pilatus, der von seiner Frau noch eindringlich gewarnt wurde, aber nicht auf sie hören wollte: „Als er sah, dass er nichts erreichte, sondern dass der Tumult immer größer wurde, ließ Pilatus Wasser bringen, wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache!“ (Mt 27,24). Und natürlich die Handlanger, die es in jedem System gibt: Die Soldaten führten Jesus ab, in den Hof hinein, der Prätorium heißt, und riefen die ganze Kohorte zusammen. Sie schlugen ihm mit einem Stock auf den Kopf und spuckten ihn an, beugten die Knie und huldigten ihm“ (Mk 15,16 + 19). 

Die Zerstörung ist absolut. Absolut unerträglich. Sadismus, rohe Gewalt und Brutalität wohin man schaut. Und da verließen ihn [eben] alle“ (Mk 14,50). Die Jünger nehmen Reiß aus und überließen Jesus und sein Schicksal ihnen: ein paar Frauen, darunter Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, sowie Salome,“ (Mk 15,40). 

Was muss all das für sie bedeutet haben? Was ist in ihnen vorgegangen, als sie mit ansehen mussten, wie er, ihr fleischgewordener Erlöser, der wunderbarste Mensch auf Erden, der Verkünder der sanften Lehre von „Tue einem anderen, wie du willst, dass dir getan werde“ vor ihren Augen als unschuldiger Verbrecher ans Kreuz genagelt wird? Durch beide Hände. Durch beide Füße. Mit einer Dornenkrone auf dem Kopf. Zuvor gefoltert und verspottet. Was muss da in ihnen passiert sein?

Im Talmud wird berichtet, Jesus habe gelächelt, während man ihn folterte. Als der römische General ihn fragte, was er denn immer noch zu lächeln haben, soll Jesus zu ihm gesagt haben: „Mein ganzes Leben habe ich gebetet: Du sollst den Herrn, Deinen Gott, von ganzem Herzen, mit Deiner ganzen Seele (was Leben bedeutet) und mit all Deiner ganzen Kraft lieben. Ich konnte ihn bis zu diesem Augenblick nie mit „meinem ganzen Leben“ lieben. Deshalb bin ich glücklich“ (Erich Fromm, Ihr werdet sein wie Gott, S. 185). Und trotzdem muss es den Frauen ihr Herz zerrissen haben. 

Dennoch brachte all die Grausamkeit nicht das Schlechteste, sondern das Beste in ihnen zum Vorschein: Wärme, Mitgefühl, Solidarität und Loyalität. Wie aber konnten sie mit dieser ungeheuren, erbarmungslosen und unverzeihlichen Ungerechtigkeit bloß fertig werden?

Meine TheseDie Frauen unterm Kreuz waren antifragil. Antifragil? Was soll das denn bitte sein? 

Das Konzept der Antifragilität hat der Philosoph und Finanzmathematiker Nassim N. Taleb entwickelt. Für ihn ist Antifragilität nicht das Gleiche wie Stärke, Widerstandsfähigkeit oder Robustheit, denn seiner Meinung nach sind auch die Starken, Widerstandsfähigen und Robusten fragil, da sie sich zu sehr auf sich selbst, ihre eigenen Ressourcen und Fähigkeiten verlassen; aber auch sie haben und finden in der Regeln ihren Meister. 

Antifragilität hingegen ist ganz anders. Sie ist eher wie das Wort Lao Tses: „Auf der ganzen Welt gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als das Wasser, und doch, in der Art, wie es dem Harten zusetzt, kommt nichts ihm gleich. Es kann durch nichts verändert werden. Dass Schwaches das Harte besiegt und Weiches das Harte besiegt, weiß jedermann auf Erden.“ So ist Antifragilität. 

Sie schöpft aus dem Glauben an eine höhere (und gütige) Instanz so viel Ruhe, Frieden und Kraft, dass sie sich dem Unbekannten, dem Bösen und dem Gefährlichen stellen kann, ohne es im Letzten verstehen, hinterfragen, abwenden oder beherrschen zu müssen. Antifragilität beruht auf der inneren Haltung zur Verwandlung und lässt sich am ehesten als eine Art sechsten Sinn beschreiben; dem Gespür, Ereignisse in ihrer Essenz annehmen und lieben zu können, selbst dann, wenn sie anders sind als gewünscht; ja, selbst dann noch, wenn sie den Tod bedeuten. 

Golgatha war so ein Ereignis: „Da schrie Jesus noch einmal laut auf und starb. Im selben Augenblick zerriss im Tempel der Vorhang vor dem Allerheiligsten von oben bis unten. Die Erde bebte, und die Felsen zerbarsten. Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt“ (Mt 27,50-52). Und ausgerechnet ihnen, dem schwächeren Gefäß, hat Gott diesen Anblick zugemutet. Aber offenbar wollte er seinen Geist der Neugeburt in genau so ein Gefäß ausgießen. In ein Gefäß, das von Natur her in der Lage ist, sich von einer größeren Macht als es selbst verwandeln lassen zu können. Ein Gefäß, das weiß, was es heißt, eine Idee aus der unmittelbaren Gegenwart Gottes zu empfangen, auszutragen und unter Schmerzen zu gebären. 

Und so musste es geschehen. Gott musste am Kreuzbalken des Wissens vom Leben und vom Tod auf eben diese grausame Art hinab- und der Mensch hinaufsteigen – beide als Speise des jeweils anderen -, um das Werk der Schöpfung zu vollenden (Joh 17,1). Dies war der Moment, in dem die Wahrheit geboren wurde; in dem klar wurde, dass alles, was Jesus je gesagt und getan hatte, wahr ist. Joseph Campbell, vielleicht einer unserer größten Experten auf dem Gebiet der Mythologie, geht so gar soweit zu glauben, dass Mensch und Gott, der Suchende und der Gefundene, Außen- und Innenseite eines einzigen, sich selbst spiegelnden, unzerstörbaren, ewigen Geheimnisses sind so wie es auch in der Bibel steht: „Sucht ihr mich, so werdet ihr mich finden. Fragt ihr mit eurem ganzen Herzen nach mir, so werde ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR“ (Jer 29,13-14). 

Von all dem wollen wir heute aber nichts mehr wissen. Die göttlichen Geheimnisse, denen einst noch alles unterworfen war und denen auch der Mensch sich beugen musste, leugnen wir mehr oder weniger unverhohlen. Dafür huldigen wir ganz offen einer materialistischen Philosophie, schließlich leben wir in einer modernen Welt. In einer Welt, die die Frage: “Nutzt mir das?” zum zentralen Geheimnis erhoben hat. Und in einer Welt, die immer beschäftigt ist. Notorisch damit beschäftigt, die jahrtausendalten Bilder, Parabeln und Geschichten der Bibel aus allen Schlupfwinkeln dieser Gesellschaft zu verjagen und sie durch die Lehre vom harten Wettbewerb um Geld und Macht und davon, dass sich jeder selbst am Nächsten ist, zu ersetzen. 

Aber schauen wir uns in diesen Tagen doch mal um: Wo bleiben denn die Antworten auf die großen Fragen des Lebens, zum Beispiel wie wir angstfrei mit Dingen umgehen können, die wir offenkundig nicht beherrschen? 

Es ist recht erstaunlich, dass eine so aufgeklärte und moderne Gesellschaft wie die unsere, die alles wissen und beherrschen will, in Zeiten, in den Angst, Leid und Tod umgehen, nicht einsehen will, dass das wonach die Welt eigentlich so verzweifelt sucht, das Feminine ist. Aber genau danach sucht sie, nach den Frauen unterm Kreuz. Nach ihrer Antifragilität. Nach ihrer stillen Hingabe. Nach ihrem weichen, zarten und schwachen Sein. Sie verkünden uns eine Vision, die noch immer gültig ist und sie beweisen, dass es in den entscheidenden Stunden unseres Lebens nicht darauf ankommt, etwas Besonderes zu bewirken, sondern nur darauf, so zu sein, wie es Gottes Wille entspricht: Majestät in Menschenliebe. 

In jeder Generation und im Leben jedes Einzelnen zeigt sich nämlich immer und immer wieder sehr zuverlässig wie trügerisch die falschen Lehren sind und wie rasch ihre Früchte vergehen. Ein kurzer Sturm im Weltgeschehen reicht aus und schon stehen wir wieder nackt nebeneinander: Der Reiche neben dem Armen. Der Junge neben dem Alten. Der Gesunde neben dem Kranken. Dann ruht all unsere Hoffnung auf ihnen. Auf Menschen, die sich nicht abbringen lassen – von nichts und niemandem, nicht einmal vom Tod -, weiblich zu sein gerade dann, wenn es wieder einmal still, leer und einsam wird um eine Seele. 

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#13
Sich selbst erobern

Das ist weit mehr als sich einen ruhigen Abend auf dem Sofa oder ein heißes Bad zu gönnen. Und es ist definitiv auch weit mehr als sich selbst ein bißchen besser zu lieben, seine Erfolge ein bißchen mehr wertzuschätzen oder ein bißchen deutlicher für sich einzustehen. „Sich selbst erobern“ beginnt im Inneren. Es beginnt mit der Fähigkeit, sich selbst zu erkennen und in Übereinstimmung mit dieser Erkenntnis bzw. der eigenen Natur zu leben. Wie aber erkennt man sich eigentlich als Frau in einer modernen Gesellschaft, die männlich fühlt und materialistisch denkt? Ich lebte viele Jahre an mir und meiner Natur völlig vorbei, vor allem dann, wenn ich meine Tage hatte.

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Schlüssel-Schloss-Prinzip

In der Apokalypse des Adam erzählt Adam seinem Sohn Set von einem glücklichen Erlebnis, das nur schwach und wenig ausgeschmückt, aber doch unvergesslich in seiner Erinnerung aufschimmert. Er erzählt von etwas ganz Besonderem, von einem paradiesischen Urzustand, den er selbst gerade noch erhaschen konnte kurz bevor er dann alles verlor: „Höre meine Worte, mein Sohn! Als Gott mich aus der Erde geschaffen hatte, zusammen mit Eva, deiner Mutter, wandelte ich mit ihr in einer Herrlichkeit, die ich gesehen hatte in dem Äon, aus dem wir entstanden waren. Deine Mutter lehrte mich ein Wort der Erkenntnis des ewigen Gottes. Und wir glichen den großen, ewigen Engeln.“