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25. August 2019

#6

Wo bist du?

Bild Beitrag #6

Von Martin Buber stammt folgende Anekdote. Ein junger Mann fragt einen Weisen: „Wie ist es zu verstehen, dass Gott, der Allwissende, zu Adam spricht: Wo bist Du? Wenn Gott doch der Allwissende ist, warum muss er ihn dann fragen?“ Der Weise antwortet ihm: „Gott ruft Adam nicht, weil er etwas von ihm erfahren möchte; er ruft ihn, weil er damit etwas bewirken möchte.“ Adam versteckte sich vor der Rechenschaft und drückte sich vor der Verantwortung. Adam? Der war in Wirklichkeit ich. Wie er versteckte ich mich – nicht hinter einem Feigenblatt, aber hinter einer dicken Mauer aus Leistungs- und Karrieredenken. 20 Jahre lang drückte ich mich vor Verantwortung für die Lebenslügen, die ich um mich herum aufgebaut hatte.

Mit 31 Jahren begann meine Mauer zu wackeln. Nicht wie nach der Sprengung eines Hochhauses: ein Knall und alles fällt in sich zusammen. Das wäre schön gewesen. Danach hätte ich einfach aufräumen und neu anfangen können. Anpacken, das beherrschte ich perfekt. Aber, so leicht ging es nicht. Vielmehr musste ich Stein für Stein meines inneren Gefängnisses selbst abtragen. Das war nicht nur mühsam, sondern auch gegen meinen Willen. Hatte ich doch eisern versucht, an dem grandiosen Bild einer modernen Frau, das ich mir in den Kopf gesetzt hatte, festzuhalten.

Wie soll man auch mit 13, 24 oder selbst noch 36 wissen, welchen Weg man einschlagen soll, um in unserer Zeit eine richtige Frau zu werden? Können einem die Eltern oder Großeltern weiterhelfen? Oder muss man persönliche Erfahrung in Beziehungen sammeln? Ist Beten oder Meditieren, Sport oder ein Hobby der beste Weg? Soll man sich erst mal selbst verwirklichen in der Arbeit oder einen Coach zu Rate ziehen?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, also fing ich an, mich mit der Frau auseinanderzusetzen, die ich bis dato geworden war. Gut ausgebildet war ich. Fleißig, ehrgeizig und anspruchsvoll. Belastbar war ich auch. Vielleicht zu belastbar. Unternehmerisch und mutig – das hatte ich sicher von zu Hause mitbekommen. Erfolgreich – glaube ich. Nachgesagt wurden mir zudem Durchhaltevermögen und Unerschrockenheit. Alles ehrenwert und rechtschaffen, aber irgendwie auch etwas unpersönlich und langweilig. Wer will in der eigenen Grabrede schon hören, “wir behalten sie als fleißige und pflichtbewusste Frau in Erinnerung“? Ich nicht. Ich wollte, dass sich die Menschen an mein Wesen erinnern, nicht an meine Leistungen. 

Die Beschreibungen, die ich mir bis zu meinem 30. Lebensjahr zulegt hatte, glichen jedoch mehr Leistungs- und Karrieretrophäen als erstrebenswerten Tugenden und Charaktereigenschaften. Das war nicht ich, sondern der Abriss einer modernen Frauen, die schön brav Meilensteine auf ihrer emanzipierten Identitätsagenda abhakte: Ich erfüllte Erwartungen. Erwartungen einer Gesellschaft, die Frauen nicht (mehr) ihrer Weiblichkeit wegen ehrt, sondern dafür, wie gut sie ins System passen – und ich passte hervorragend ins System.

In mir regte sich wahrscheinlich dasselbe Gefühl, das vielleicht auch viele Feministinnen auf die Barrikaden brachte. Entschlossen wollte ich dem Theater entgegentreten – noch so ein Attribut, das ich glänzend beherrschte. Doch dann klang etwas in mir auf. Ein leises: “Caroline, wo bist Du?” Ja, wo war ich? Wo stand ich? Und wie kam ich nur auf die absurde Idee, dass mir der Feminismus helfen könnte, mein Frau-Sein zu finden? Ich beginn zu hadern. Aber womit? 

Offensichtlich damit, dem abstrakten Bild einer modernen Frau völlig unreflektiert nachgejagt und mich dahingehend auch noch permanent selbst optimiert zu haben. Nie hatte ich überprüft, ob dieses politische Konzept einer modernen Frau tatsächlich auch mein Konzept war. Je länger ich mich aber damit auseinandersetzte, desto klarer wurde mir, dass jeder Mann und jede Frau absolut einzigartig ist und dass diese übergestülpten Konzepte ganz anderen Zwecken dient, nämlich Konformität und Kontrolle. Individualität und Lebendigkeit offenbarten sich als ihre Todfeindinnen.

Die Aufgabe des Menschen liegt aber – davon bin ich heute überzeugt – nicht darin, jemanden zu kopieren oder so zu werden wie andere, sondern darin, die eigenen, ganz persönlichen Eigenschaften in dieser Welt vollkommen zu machen. Der archimedische Punkt, von dem aus ich also etwas verändern konnte, bot nicht eine konstruktivistische Vorstellung über die Frau als geschlechtsloses Politikum, sondern ein völlig einfaches Gedankenexperiment. Ich überlegte mir, was Gott mich in meiner Todesstunde wohl fragen würde. 

Doch sicher nicht: “Warum bist Du nicht geworden wie Deine Großmutter oder wie Tante Marianne oder gar wie Marie Curie?” Nein. Gott würde mich eher fragen – wenn er überhaupt etwas fragt: “Wie und wo bist Du die Frau geworden, die ich mir vorstellte, als ich Dich schuf? Wo bist Du die Frau nach meinem Plan geworden?

Ja, wirklich gute Frage, Gott! Was ist denn Dein Plan für mich?

Klar würden ihn meine Zeugnisse und Zertifikate, die ich erworben hatte, nicht vom Hocker hauen. So weit war ich schon. Aber eine Antwort auf die Frage nach meiner Weiblichkeit hatte ich tatsächlich nicht. Ich musste mich mit mir und meinen wesentlichen Eigenschaften auseinanderzusetzen. Die waren sehr schwer zu finden. Ich hatte sie zugeschüttet und mich komplett auf „perfektes Funktionieren“ programmiert. Alles in mir folgte der Regel, Erwartungen zu erfüllen; oft bevor sie auch nur ausgesprochen waren. 

Irgendwann aber stieß ich zu meinen wahren Eigenschaften vor. Das war alles andere als schön. Das Spannendste über die Frau, die ich eigentlich hätte werden sollen, die ich aber völlig untergebuttert hatte, erfuhr ich von meinen verdrängten und abgespaltenen Gefühlen. Erst als ich mir ehrlich eingestand, an was für Oberflächlichkeiten ich mein Glück in der Vergangenheit hing, begann ich mein wahres Wesen zu erkennen.  

Mir wurde auf einmal bewusst, dass sich mein Herz vor allem an Menschen und Dinge klebte, die mir angeblich absolute Sicherheit, kindliche Geborgenheit und verbindliche Strukturen suggerierten. Die Leidenschaften, die mich in Aufruhr versetzten, sobald diese Dinge in Gefahr schienen, waren Eifersucht, Neid und Misstrauen. Das alles hasste ich. Es waren meine wunden Punkte. Ich hatte weder Vertrauen in das Leben noch in Gott. Dafür bildete ich mir gehörig ein, meine Haut mit hervorragenden Leistungen und einer steilen Karriere retten zu können. 

Gott wiederum war vollkommen unbeeindruckt von all der Szenerie einer modernen Frau, die ich wie Potemkinsche Dörfer um mein Leben herumstaffiert hatte. Eins nach dem anderen ließ er einfach umfallen. Langsam wurde ich hellhörig. Das „Wo bist Du?“ wurde lauter. Natürlich wehrte ich mich noch Monate lang dagegen. Herrin in meinem Haus war ja immer noch ich. 

Er aber war stärker und zog mich auf einen vollkommen neuen Weg. Anstatt die negativen Gefühle meines Herzens länger zu verteufeln kehrte ich um. 180 Grad in die andre Richtung. Ich begann meine Schwächen mit meinem ganzen Wesen zu heiligen, sie zu benennen, sie anzunehmen und sie zu verwandeln. Aus Eifersucht wurde Vertrauen, aus Neid wurde Freude und aus Misstrauen wurde Liebe.  

Gott zog mich zu sich. Offensichtlich interessiert er sich mehr als alles andere auf dieser Welt für meine wunden Punkte, für mich im Ganzen. Darum sprach er also zu Abraham: „Geh einher vor meinem Antlitz! Sei ganz!“ (1. Mose 17,1 Buber/Rosenzweig). Hier also BIN ICH. 

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#5  Eine Frau ist eine Frau ist Gottes Geschenk

Über das tatsächliche Leben von Adam und Eva steht nicht viel in der Bibel. Auf ganz wenigen Seiten nur wird das Wesentliche der ersten Menschen skizziert. Sie sollen vollkommene Menschen gewesen sein in einer vollkommenen Umgebung ohne Not, ohne Krankheit, ohne Tod. Paradies wurde sie genannt und sie hätten es ewig haben können, hätte die schicksalhafte Geschichte nicht ihren (für Gott wohl vorhersehbaren) Verlauf genommen. Wer aber waren diese ersten beiden Menschen? Wie waren sie? Und was hatte Gott eigentlich wirklich von ihnen erwarten können in einem Garten mit Rundumvollversorgung?

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#4  Krone der Schöpfung

Jede Frau hat sich wahrscheinlich schon mal die Frage gestellt: Wer bin ich wirklich? Die Antwort auf diese Frage ist existentiell. Je nachdem wie sie ausfällt, bringt sie einen gesunden, stabilen oder einen ungesunden, instabilen Selbstwert hervor – und dieser bedingt dann das ganze Leben. Wer ist eigentlich berechtigt bzw. überhaupt befähigt, auf diese folgenreiche Frage zu antworten?