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31. Januar 2020

#13

Sich selbst erobern

Bild Beitrag #13

Das ist weit mehr, als sich einen ruhigen Abend auf dem Sofa zu machen oder sich ein heißes Bad zu gönnen. Es ist auch weit mehr, als beim nächsten Gehaltsgespräch besser für sich einzustehen oder mehr für feministische Rechte zu kämpfen. Sich-selbst-erobern beginnt im Inneren. Es ist die vollständige Inbesitznahme des “eigenen Gefäßes in Heiligung und Ehrbarkeit” wie es im ersten Thessalonicherbrief heißt. Wie aber sollen Frauen eigentlich in einer modernen Gesellschaft, die männlich fühlt, materialistisch denkt und säkular lebt, ihr eigenes Gefäß voll und ganz in Besitz nehmen können? 

Diese Frage geht mir immer nach, wenn ich an all die Mädchen und jungen Frauen in unserer Gesellschaft denke, die jetzt gerade anfangen, ihren Platz in dieser Welt zu suchen. Und natürlich resultiert sie auch aus meiner persönlichen Erfahrung, denn ich habe mindestens zwei, wenn nicht sogar drei große Anläufe gebraucht, um zu verstehen, wer und wie ich wirklich bin. Viele Jahre lebte ich an mir und meiner Natur völlig vorbei; ganz besonders dann, wenn ich meine Tage hatte. 

“Diese Tage!” Die Mitgliedskarte zum Club der Frau und für mich lang die unnötigste Erfindung dieser Welt. Nichts anderes als eine lästige und unangenehme Unterbrechung meines sonst so perfekt durchgetakteten Arbeitsalltages. Und eine himmelschreiende Ungerechtigkeit sowieso. Was ich an Extra-Energie aufbringen musste, bloß damit keiner merkt, in welch desolatem Zustand ich mich in “diesen Tagen” oft befand. Furchtbar! Also entwickelte ich zwei Strategien: Ignoranz und Kampf. 

Von den feinen Schwankungen der Hormone, des Körpergewichts, des Herzschlages und Kreislaufs, der Haut und des Bindegewebes sowie im Konzentrationsvermögen, Stimmungsbild und Schmerzempfinden nahm ich lange bewusst keine Notiz. Ich behandelte sie wie Christian Morgenstern seine Unmögliche Tatsache: “Und sie kam zu dem Ergebnis: Nur ein Traum war das Erlebnis, denn so schließt sie messerscharf: nicht sein kann, was nicht sein darf.”  

Ganz anders war es mit dem Prämenstruellen Syndrom. Das betäubte ich konsequent mit Schmerzmitteln, immer wenn ich mitten in einer anspruchsvollen Aufgabe steckte oder einen wichtigen Termin zu absolvieren hatte – was praktisch immer der Fall war. Ich war einfach nicht bereit, eine Leistungseinbuße meines Körpers hinzunehmen, schließlich war ich ein FTE. Ein ganzes full time equivalent, das tausende Stunden im Jahr hätte fehlerfrei auf der Bühne dieser Leistungsgesellschaft funktionieren können. Irgendwie werde ich diese schreckliche Zeit schon überstehen,“ redete ich mir ein, „Hauptsache es merkt keiner, was gerade wirklich mit mir los ist.“ 

Dabei konnte ich es kaum erwarten, in den Club der Frau aufgenommen zu werden. Als ich acht oder neun Jahre alt war, liebte ich es im Kleiderschrank meiner Mutter zu sitzen, sie bei der Auswahl eines Kleides für den Abend beraten zu dürfen und mit ihr Frauen wie Lady Di, Claudia Schiffer oder Steffi Graf zu bewundern. Meine Enttäuschung war riesig als mir klar wurde, dass die romantische Initiation zur Frau ausbleiben und ich einfach so hinüber geschupst werden würde. So ist das eben in unserer Zeit. 

Und hört man unserer Gesellschaft mal etwas aufmerksamer zu, wie sie über das Frau-Sein, ihre biologische Natur und besonders die Menstruation spricht, dann ist das auch kein Wunder. Häufig klingt es einfach nur sehr medizinisch, rational, abgeklärt-distanziert und immer öfter auch nach “Lösung”, so als müsste man das Problem “Weiblichkeit” in den Griff bekommen – an der wahren Ursache, dem Frau-Sein selbst, kann man ja schließlich nichts ändern. Aber Weiblichkeit ist kein versehentlicher Systemfehler, an dem man mit Schmerztabletten, der Pille oder einer Therapie arbeiten muss. 

Verrückt, oder? Wie konnte so eine kollektive Denkweise nur entstehen? Ich kann es mir nur mit dem rasanten Fortschritt der Frau selbst erklären. Ihr Turbo-Durchmarsch in die männliche Welt war im Wesentlichen ein intellektueller Kraft- und Gewaltakt, bei dem es vor allem um äußeren Status und schnelle Erfolge ging und weniger um die strategische und gesellschaftliche Anerkennung archetypischer Eigenheiten. Damit ist aber ein Stück weibliche Wahrheit verloren gegangen und zwar diese: Frauen sind spirituelle Wesen. Sie haben eine intuitive Verbindung mit Gott und durch die allmonatlich veränderten Bewusstseinszustände auch einen besonderen Zugang zu seiner unsichtbaren Welt. 

Im Grunde macht uns unser Körper spirituelle Erfahrungen sehr leicht. Als Jugendliche habe ich das oft gespürt, allerdings war das auch unheimlich für mich; so unheimlich, dass ich Angst davor bekam und nicht im Ansatz erkennen konnte, was für ein Geschenk meine Natur ist und dass sie mich eigentlich in etwas sehr Wertvolles über Gott und seine Schöpfung, den Rhythmus des Lebens, das Leben selbst, aber auch über den Tod einweihen möchte – wie eng beides miteinander verwoben ist und was der Tod für uns bedeutet, wurde mir erst nach einer Fehlgeburt richtig klar. 

Es muss also die zweite oder dritte Menstruation nach der Fehlgeburt gewesen sein. Business as usual. Eigentlich. Aber irgendetwas in mir sagte, dass ich diesmal alles Betäubende weglassen und mir einen Tag frei nehmen sollte. “Warum nicht ein echtes Ja zum Hier und Jetzt,” sagte etwas in mir. Und dieses “Ja” zu den körperlichen Schmerzen, der verminderten Leistungsfähigkeit und der Sensibilität war tatsächlich die Tür durch die ich hindurch gehen musste, um mir und Gott erst richtig begegnen zu können. Es öffnete den Raum, in dem ich mich im Ganzen annehmen konnte, so wie ich bin: eine Frau! Kein Mann. Kein Tier. Kein FTE. Keine Steueridentifikationsnummer. Keine Maschine. Nichts, das ständig zu funktionieren hat – “dafür wurde ich nicht konzipiert,” geisterte es durch meinen Kopf.

Ich stieg noch tiefer in mich hinunter, erforschte diesen Schmerz – den körperlichen und den seelischen – und setzte mich, so wie ich war, einfach vor Ihn hin. Mit dem „Mich-Annehmen-als-Frau-vor-Gott” und dem „Nicht-vor-mir-und-Gott-Davonlaufen“ in diesen schwachen Momenten durchströmte mich ein unglaublich tiefes Gefühl. Es lehrte mich, dass ich weder meinen Körper ignorieren noch gegen ihn ankämpfen musste; dass ich nichts zu leisten hatte. Nicht beten, nicht fasten, nicht sühnen musste. Ja, nicht mal heilen musste ich. Ich musste einfach nur still sein. Die Stille aushalten. Meine Gebrochenheit, das All-ein-sein und dieses Angeschaut-Werden. 15 Minuten, 40 Minuten, irgendwann ganze 60 Minuten, aber dann kam von irgendwo her diese beseligende Ruhe wie der Bote eines göttlichen Heilungsprozesses, von dem ich nur wusste: “Er ist größer als Du, probier’s erst gar nicht, ihn zu kontrollieren.”

Als Friede und Entspannung einkehrten, war es, wie wenn Gott zu mir sagen würde: “Caroline, wann entscheidest du dich endlich? Du bist wichtig in diesem Spiel, ich brauche Deine ganz persönliche, freie, innere Entscheidung zu” … Ja, wozu denn eigentlich? Ich hatte keine Antwort auf diese Frage. Also überlegte und spürte ich weiter in mich hinein. In mir baute sich ein Turm neuer Fragen auf: “Wie möchtest Du als Frau in dieser Welt wirken? Was ist für Dich überhaupt das spezifisch Weibliche? Wie definierst Du es? WIE definierst DU es? Nicht, wie leitest Du es vom Männlichen ab oder wie siehst Du es im Vergleich zum Männlichen. Sondern: wie definierst Du Weiblichkeit ganz aus sich selbst, aus Dir heraus?” Genau darum geht es! Um die Bestimmung des Weiblichen aus sich selbst heraus. 

Jetzt war ich da, wo Gott mich haben wollte, bei den essentiellen Fragen meines Alltags als Frau. In einem fort musste ich weitere Eingeständnisse machen. Zum Bespiel, dass es mir eigentlich völlig egal ist, wie viel, wie oft oder wann ich Sex haben kann. Was mir nicht egal ist, ist: Wie ist diese Sexualität? Welche Qualität hat sie? Ebenfalls recht uninteressant ist für mich, ob und wann ich Head of Very Important werde. Richtig relevant ist hingegen, ob ich da, wo ich gerade bin, Liebe, Mut und Hoffnung in die Herzen der Menschen, die mir anvertraut sind (beruflich, familiär und freundschaftlich) hineinspreche oder ob ich auf ihren systemischen Druck auch noch etwas drauf packe; dann müsste ich nämlich dringend etwas ändern.

Plötzlich erkannte ich, dass die mit der Menstruation natürlich einsetzende Verlangsamung mentaler und emotionaler Prozesse Gott viel mehr Raum in meinem Leben gab. Früher hätte es mich fix und fertig gemacht, wenn mich jemand für schwach oder ein FTE zweiter Klasse gehalten hätte, eben weil ich mich dann und wann um meinen defekten Körper kümmern muss. Heute ringt es mir nicht mal mehr ein müdes Lächeln ab, da nur eins für mich wichtig geworden ist: Was denkt Gott von mir? Setze ich wirklich all meine Kraft dafür ein, seinen Willen zu tun?

Es ist mittlerweile so schön, “diese Tage” zu bekommen. Sie erinnern mich ganz selbstverständlich und offensichtlich an die Notwendigkeit der Phasen tiefster Stille und Ruhe, denn hier sind tatsächlich Selbstvertiefung, Selbstkonfrontation und Gottesbegegnung möglich. Deshalb möchte ich Dich von ganzem Herzen ermutigen gerade an “diesen Tagen” in Dich selbst hinabzusteigen und – wie Isaak von Ninive sagte – “in die Schatzkammer, die in Deinem Inneren ist, einzugehen; dort wirst Du die himmlische Schatzkammer sehen. Denn jene und diese ist eine und dieselbe. Die Leiter zum Himmelreich ist in Dir verborgen, in Deiner Seele. Tauche in Dich selbst unter und Du wirst die Stiegen finden, auf denen Du hinaufsteigen” und: Dich selbst erobern kannst. Das glaube ich fest, weil ich es selbst erfahren habe. 

So lange wir uns in dieser postmodernen Gesellschaft von Außen einreden (lassen), dass wir noch effektiver, noch tougher und noch leistungsbereiter werden müssen, werden wir uns selbst weder erkennen noch uns in Besitz nehmen – und schon gar nicht in Heiligung und Ehrbarkeit. Wenn wir aber anfangen, uns, unser Empfinden und unser Leistungsvermögen von niemandem definieren zu lassen, auch nicht politisch, wirtschaftlich oder vom Zeitgeist der Gesellschaft her, dann können wir tatsächlich irgendwann in Überstimmung mit uns und unserer wahren Natur, der weiblichen, nicht der Männlichen, leben.

So paradox das klingen mag: Das Eingeständnis, dass wir tatsächlich noch schwächer, noch verletzlicher und der heilenden Liebe Gottes noch bedürftiger sind als wir uns an “diesen Tagen” in der Regel erlauben, verwandelt unseren “kleinen” Wettbewerbsnachteil in etwas Heiliges. Das ist das memento mori der Frau. “Sich selbst erobern” heißt also nichts anderes als an einer viel tieferen Ebene anzusetzen als eingangs erwähnt: an unserer Berufung zur Heiligkeit. 

Bild Beitrag #12

#12  Schlüssel-Schloss-Prinzip

In der Apokalypse des Adam erzählt Adam seinem Sohn Set von einem glücklichen Erlebnis, das nur schwach und wenig ausgeschmückt, aber doch unvergesslich in seiner Erinnerung aufschimmert. Er erzählt von etwas ganz Besonderem, von einem paradiesischen Urzustand, den er selbst gerade noch erhaschen konnte kurz bevor er dann alles verlor: „Höre meine Worte, mein Sohn! Als Gott mich aus der Erde geschaffen hatte, zusammen mit Eva, deiner Mutter, wandelte ich mit ihr in einer Herrlichkeit, die ich gesehen hatte in dem Äon, aus dem wir entstanden waren. Deine Mutter lehrte mich ein Wort der Erkenntnis des ewigen Gottes. Und wir glichen den großen, ewigen Engeln.“

Bild Beitrag #11

#11  Schönheit wird die Welt retten

Ja, wahrscheinlich nur nicht so. Wahrscheinlich nicht mit dem gegenwärtigen Zeitgeist und seiner Verherrlichung von Makellosigkeit, Perfektionismus und ewiger Jugend. Makellosigkeit, Perfektionismus und ewige Jugend sind keine göttlichen Strategien, sondern Ausdruck einer tiefsitzenden Angst vor der eigenen Wertlosigkeit. Da sie keinen Frieden bringen können, erzeugen sie einen Teufelskreis aus lebensverneinenden Gedanken, falschen Wert- und Lebensvorstellungen sowie Illusionen darüber, was eine Bauchdeckenstraffung, In­timzo­nenop­ti­mie­rung oder ein „Mom­my Make­over“ – die Ganz­kör­per­rund­um­er­neue­rung für “50 ist das neue 30-Frauen“ – nicht alles reparieren könnte. Aber nichts davon kann Mr. Right halten. Nichts davon kann die Zufriedenheit im Job erhöhen und nichts davon gefällt Gott. Das ist die Hybris der Frau.