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30. November 2019

#11

Schönheit wird die Welt retten

Bild Beitrag #11

Ja, wahrscheinlich nur nicht so. Wahrscheinlich nicht mit dem gegenwärtigen Zeitgeist und seiner Verherrlichung von Makellosigkeit, Perfektionismus und ewiger Jugend. Makellosigkeit, Perfektionismus und ewige Jugend sind keine göttlichen Strategien, sondern Ausdruck einer tiefsitzenden Angst vor der eigenen Wertlosigkeit. Da sie keinen Frieden bringen können, erzeugen sie einen Teufelskreis aus lebensverneinenden Gedanken, falschen Wert- und Lebensvorstellungen sowie Illusionen darüber, was eine Bauchdeckenstraffung, In­timzo­nenop­ti­mie­rung oder ein „Mom­my Make­over“ – die Ganz­kör­per­rund­um­er­neue­rung für “50 ist das neue 30-Frauen“ – nicht alles reparieren könnte. Aber nichts davon kann Mr. Right halten. Nichts davon kann die Zufriedenheit im Job erhöhen und nichts davon gefällt Gott. Das ist die Hybris der Frau. 

Die Weigerung die eigentliche, feminine Wirklichkeit anzuschauen und sich mit ihr auszusöhnen. Oft klammern wir uns stattdessen an unserem kapitalistischen Denken fest und degradieren unseren Körper zu einer sanierungsbedrüftigen Dauerbaustelle, an der es immer etwas zu tun gibt, gejagt von der Angst, jemand anderes könnte unsere Makel, unser wahres Sein entdecken und uns deshalb für nicht liebenswert halten. Das Problem ist die Freiheit bzw. die Unfreiheit. 

Eine (schöne) Frau ist nie wirklich frei. Erstens, hat sie wahrscheinlich schon sehr früh Bewunderung erfahren für ihre Schönheit – bzw. für ihren Gehorsam oder ihre Leistungen. Das dürfte bei vielen der Grund dafür sein, dass sie irgendwann ein unersättliches Verlangen, vielleicht sogar eine Abhängigkeit oder Sucht nach dieser Art emotionaler Bestätigung entwickelt haben. Zweitens glauben die wenigstens (schönen) Frauen, dass sie die Bewunderung für sich, also ihre Persönlichkeit bekommen, sondern viele sind eher der Meinung, dass sie für gewisse, ganz bestimmte Eigenschaften wie ihre Schönheit (Leistungsfähigkeit oder Intelligenz) bewundert werden. Fälschlicherweise koppeln sie ihre Selbstachtung an etwas sehr Vergängliches. Drittens setzen viele (schöne) Frauen Bewunderung mit Liebe gleich. Sie fühlen sich ohne Bewunderung nicht geliebt. Aber Bewunderung ist keine Liebe. Bewunderung ist so ziemlich das Gegenteil von Liebe. Bewunderung ist an vergängliche Merkmale gebunden, Liebe hingegen an die Ewigkeit einer Person.

Und so sitzen viele (schöne) Frauen in einem inneren Gefängnis aus Erwartungen und Scham, unruhig, hoffend, bangend, wartend auf die große Liebe. Über allem schwebt die Angst vor dem drohenden Liebesverlust. Um ihn zu vermeiden, reagieren viele mit Anpassung und der Inszenierung eines „falschen“ Selbst, unfähig den an sich heran zu lassen, der ihre Wunde heilen könnte – egal ob es sich dabei um einen Mann oder Gott handelt. Das soll nicht heißen, dass Schönheit, Leistungsfähigkeit oder Intelligenz etwas Schlechtes sind. Im Gegenteil. Sie haben nur einen Pferdefuß, nämlich den, welche Rolle sie in einem Leben spielen dürfen. Werden sie als Geschenk gesehen, für das man dankbar ist, auf das man aber kein Anrecht hat oder werden sie als Zweck betrachtet, der zum Beispiel einen Mangel in der Psyche ausgleichen soll?

Diese kleine Nuance unterscheidet eine scheinbar schöne Frau von einer wirklich schönen Frau. Die Erkenntnis, dass man das Schönste, das Wundervollste, das Beste nicht selbst machen bzw. beeinflussen kann. Das Schönste, das Wundervollste, das Beste,  das wir anstreben, meint Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: wird. Es wird. Es wird gegeben. Es wird geschenkt. So wie in Schneewittchens Märchen als der Königssohn versucht, den Sarg von Schneewittchen um jeden Preis zu bekommen: „Lasst mir den Sarg, ich will euch geben, was ihr dafür haben wollt.“ Aber die Zwerge schmettern ab: „Wir geben ihn nicht her für alles Gold der Welt.“ Dann bittet der Königssohn: „So schenkt ihn mir, denn ohne ihn kann ich nicht leben!“ Was er für alles Gold der Welt nicht haben konnte, erhält er plötzlich: umsonst. So ist auch unser Gott.

Frauen sind zu Schönheit bestimmt,  einzig und allein, weil Gott es so wollte. Er hat das Wesen der Frau absichtlich an die Schönheit gebunden, weil er damit etwas über sich ausdrücken wollte, ebenso wie er durch den Mann etwas über sich ausdrückt. Das Wesen der Männlichkeit ist nicht Schönheit. In Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten meint Friedrich Torberg sogar: „Was ein Mann schöner is wie ein Aff, is Luxus“. Das Wesen des Mannes ist die Aktion. Tatkräftige Männer wirken attraktiv. Sie kommen unglaublich gut zur Geltung, wenn sie etwas tun. Passive Männer hingegen wirken frustrierend, da ein passiver Mann sein wahres Wesen verleugnet. Er signalisiert einen schwachen Gott. Aber „Gott ist ein Kämpfer“ (2.Mose 15) und Männer tragen nun mal dieses Antlitz.

Verzweifelte, verunsicherte, einem anstrengenden Schönheitsdiktat unterworfene Frauen sind hässlich. Sie wirken selbstverloren und signalisieren einen unfähigen, depressiven Gott. Gott ist aber weder unfähig noch depressiv. Er ist schön und die Frau trägt dieses Antlitz. Ihr Wesen kommt dann gut zur Geltung, wenn sie ihre Schönheit nutzt, um andere anzuziehen, ein Gespräch zu beginnen oder um zum Verweilen, zum Ruhen, zum Ankommen einzuladen.  Anziehende, bezaubernde, besänftigende, friedliche Schönheit lockt mit einem zarten, sehnsüchtigen, liebenden Herzen, nicht mit einer schönen äußeren Fassade. 

Für mich war das lange Zeit unmöglich. Zu hart hatte ich an meiner äußeren Fassade gearbeitet und allerlei Schönheitsrituale lieb gewonnen. Ich war nicht bereit, sie einfach so aufzugeben. Wie eine Pokerspielerin, die schon zu viel verloren hatte, erhöhte ich immer wieder meinen Einsatz. Stets in der Hoffnung mein Blatt nicht preisgeben zu müssen, dafür aber vom Schicksal doch noch bessere Karten bekommen zu können.

Ich litt unter Scham, diesem furchtbar destruktiven Gefühl, das manchmal mit Entwürdigung oder Bloßstellung, fast immer aber mit diesem unangenehmen “Nackt-sein” angeschlichen kommt. Scham ist gemein, weil sie die ganze Persönlichkeit, die ganze Seele, das ganze Selbst und Sein angreift und erschüttert. Sie suggeriert einem, gegen den eigenen Willen auf die Bühne des Lebens hinausgeworfen und schonungslos den Blicken eines selbsternannten, überkritischen Publikums ausgesetzt zu sein. Scham braucht nicht mal einen äußeren Anlass oder Auslöser. Die Denkfehler unseres eigenen, inneren Kritikers und Anklägers reichen völlig aus, um die destruktiven Kräfte der Scham freizusetzen.

An diesem Punkt war ich wie Eva. Anfällig für Versuchungen. Sie dachte, Gott würde ihr etwas vorenthalten und deshalb hörte sie auf die Schlange. Ich dachte, ich könne über Schönheit und Leistung die innere Leere füllen und glaubte meinen inneren Kritiker und Ankläger: „Wenn du wenigstens schön zurechtgemacht bist,“ sprach er „dann hast du vielleicht eine winzige Chance mit den vielen anderen schönen Frauen mithalten zu können.“ Eva griff zum Apfel, ich zum Perfektionismus.

Aber Perfektionismus machte mich nicht ein Jota schöner. Mir fehlte etwas, dieses etwas, “ohne das alle Schönheit tot ist” wie Balthasar Gracian in seinem Handorakel “Die Kunst der Weltklugheit” schreibt. Ich suchte nach einer Antwort mit Autorität. Gefunden habe ich das hier: „Eure Schönheit soll nicht darin bestehen, dass ihr euer Haar aufwändig frisiert, Goldschmuck anlegt und kostspielige Kleider tragt. Das sind alles nur äußere Dinge. Eure Schönheit soll vielmehr von innen kommen und ein Ausdruck eures Lebens mit Jesus sein, das dem Blicken der Menschen verborgen ist. Ein freundliches und ausgeglichenes Wesen ist Euer unvergänglicher Schmuck. Es hat in Gottes Augen einen unvergleichlichen Wert“ (1. Petrus 3,3).

Der Vers bedeutet nicht, dass wir uns nicht zurecht machen dürfen oder gar zu einer grauen Maus mutieren müssen. Der Vers rückt etwas in die rechte Ordnung. Er weist der Abhängigkeit von Äußerlichkeiten nur wieder ihren richtigen Platz im Leben zu. Als ich das erkannte, besonders als ich mir ehrlich eingestand, wie viel Zeit und Energie meine lieb gewonnenen Schönheitsrituale beanspruchten, tat sich ein innerer Raum auf. Ein Raum, in dem ich plötzlich die ganze lange Geschichte meiner Ängste, aber auch meiner Sehnsüchte sehen konnte. Ich erkannte meinen ganz persönlichen, niederschmetternden Verlust des Paradieses, den ich mit meinem Perfektionismus selbst verschuldet hatte. Aber ich erkannte auch, dass ich hier in diesem Innen ganz heilig und ganz heil war. Hier war alles gut. Hier war alles schön. Hier war alles unberührt von den Leidenschaften, Anstrengungen und den Kämpfen dieser Welt. 

Dieses Innen wurde der Ort, an den ich mich immer öfter und immer sehnsüchtiger zurückzog. Ich verschloss mich immer mehr den gierigen Stielaugen und wertenden Blicken anderer – auch meiner Familie und Freunde -, nicht um mich der weltlichen Wirklichkeiten zu verschließen, sondern weil dieser Rückzug in dieses Innen etwas mit mir machte. In dem Maß wie ich meinem Publikum seine Macht entzog und sie Gott gab – seinen Blick zum obersten Ziel meiner Gedanken, Gesten, Worte und Taten machte – wurde ich offener für diese Welt.

Sein Blick wirkte wie eine turbo boost Schönheitskur. Zugeben etwas eigentümlich war sie schon, diese Kur, beobachtete ich, dass sie vor allem andere Menschen schöner machte, nicht unbedingt mich selbst. Alles, was mir fortan begegnete, egal ob es shiny oder ekelhaft daher kam, hielt mir unverhohlen seine Schönheit unter die Nase. Gottes Blick weitete mein Herz. Er versetzte mich in die Lage, mit liebenden, freundlichen Augen und einem unaufgeregten, ausgeglichenen Wesen nach der Schönheit zu suchen, selbst da wo der Teufel Regie führt. 

Das blieb nicht ohne Folgen. Mein Geist lernte Freiheit, die Abwesenheit von Ängsten, Zweifeln und Scham. Im Spiegel konnte ich sehen, wie Anstrengung, Verkniffenheit und Sorgen aus meinem Gesicht verschwanden und wie es weichere um weichere Züge annahm. Ich hatte eine wichtige Lektion gelernt: Schönheit wird die Welt retten, aber nur wenn wir uns gegen falsches Denken entscheiden, aufhören Schönheit zu missbrauchen, um bewundert zu werden und die Löcher in unserer Seele zu stopfen. Schönheit wird die Welt retten, wenn wir sie nutzen, für das, für das sie geschaffen wurde: Um (Adam) anzulocken, einzuladen, ins Gespräch zu kommen, zu inspirieren, zu wärmen, zu trösten und zu lieben.

Schönheit ist eine Frage des Herzen und der Einstellung. Sie unterliegt Gottes Gesetz der verkehrten Proportion: Je näher Du bei Gott bist, desto weicher wird Dein Herz und desto schöner wirst Du. Umgekehrt gilt das umso mehr: Je weiter Du von Gott weg bist, desto härter wird Dein Herz und desto hässlicher wirst Du werden. 

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#10  Die letzte Bastion

Wir leben in einer Zeit, die von einer gesellschaftlichen Krise gekennzeichnet ist. Begonnen hat diese Krise Ende des 18. Jahrhunderts mit der Epoche der Romantik. Romantiker wie Jean-Jacques Rousseau waren überzeugt von der grenzenlosen Tugendhaftigkeit von Männern und Frauen. Sie hielten nichts von Philosophien über die innere Mangelhaftigkeit der menschlichen Seele und davon, jeden Tag gegen die inneren Schwächen anzukämpfen. Vielmehr ebneten sie den Weg für die heutige Eat-Pray-Love-Kultur unserer Gesellschaft. Unter den Stichworten des „Selbstwerts“ und der „Selbstliebe“ verbirgt sich aber nicht ein Weg zur Heiligkeit der menschlichen Seele, sondern tatsächlich zur radikalen Zersetzung und Entgemeinschaftlichung. 

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#9  Entzauberung der Weiblichkeit

Die alten Griechen haben das Phantasiewesen des Zentauren geschaffen, das sich aus zwei verschiedenen Geschöpfen zusammensetzt. Die moderne Frau des 21. Jahrhunderts gleicht ihm auf erschreckende Art und Weise. In einer Person ist sie Nachfolgerin der ersten Frau – schön, zart und heilig – und zugleich Prototyp eines materialistischen Gesellschaftsverständnisses – gewinnorientiert, leistungsbereit und ehrgeizig. Als Mutter, Schwester oder Partnerin öffnet sie intuitiv Räume der Hoffnung für alle Nöte und Sorgen. Als Managerin und Arbeiterin sorgt sie ergeben dafür, dass die Zahlen stimmen.