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1. Januar 2020

#12

Schlüssel-Schloss-Prinzip

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In der Apokalypse des Adam erzählt Adam seinem Sohn Set von einem glücklichen Erlebnis, das nur schwach und wenig ausgeschmückt, aber doch unvergesslich in seiner Erinnerung aufschimmert. Er erzählt von etwas ganz Besonderem, von einem paradiesischen Urzustand, den er selbst gerade noch erhaschen konnte kurz bevor er dann alles verlor: „Höre meine Worte, mein Sohn! Als Gott mich aus der Erde geschaffen hatte, zusammen mit Eva, deiner Mutter, wandelte ich mit ihr in einer Herrlichkeit, die ich gesehen hatte in dem Äon, aus dem wir entstanden waren. Deine Mutter lehrte mich ein Wort der Erkenntnis des ewigen Gottes. Und wir glichen den großen, ewigen Engeln.“ 

Wandeln in Herrlichkeit. Wie nahe oder fern wir davon sind, kann am Verhalten von Männer gegenüber Frauen sowie dem Selbstverständnis von Frauen gegenüber Männern abgelesen werden. Das Verhältnis zwischen ihnen und ihr Umgang miteinander spiegelt wie nichts sonst auf dieser Erde das Verhältnis zwischen Schöpfer und Schöpfung wider. Mann und Frau sind keine einsamen, in sich geschlossenen Gestalten, sondern Beziehungswesen. Im Paradies herrschte Liebe zwischen ihnen, denn Er, Gott erschuf sie nach seinem Ebenbild und Er, Gott ist schließlich die Liebe.

Ihre Beziehung war von Gott her geordnet durch eindeutige Gesetze, denen der Mensch vollkommen vertrauen konnte. Jedoch wurden diese eindeutigen Gesetze gestört, allerdings nicht erst durch politische Ideen wie man meinen könnte, sondern durch ein Ereignis längst vergangener Zeit, das Männer und Frauen bis heute in ein Trauma verwickelt: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau [sprach Gott zu Adam] und dein Verlangen wird auf deinen Mann gerichtet sein, er aber soll über dich herrschen [sagte Er zu Eva]“ (Mose 3,15). Die Rede ist vom Trauma des gegenseitigen Verfallen- und Ausgeliefertseins. 

Die Psychologie versucht dieses Trauma unter anderem mit dem Schlüssel-Schloss-Prinzip zu erklären. Zwei Menschen geraten in eine Kollusion, das heißt in ein unreflektiertes Arrangement, in dem die Rollenverteilung nicht nur von vornherein festzustehen scheint, sondern in dem auch die Dramen zentraler Kindheitskonflikte nachgespielt werden. Jede Kollusion beruht auf fragwürdigen Machtspielen und unbewussten inneren Motiven. Was zu Beginn wie die große Liebe oder sexuelle Erfüllung aussieht, endet oft mit dem Entzug der Freiheit und einem heftigen Kampf der Geschlechter. Wer gestern noch leidenschaftlich begehrt wurde, wird heute vielleicht schon zu tiefst gehasst und der, ohne den man heute nicht zu leben können glaubt, ist vielleicht schon morgen nicht mehr zu ertragen.

Alle kollusionsähnlichen Beziehungen machen dieselbe Entwicklung durch: zunächst Schock, dann Verleugnung, als nächstes Wut, danach Verhandlung und zu guter Letzt Verzweiflung. Verzweiflung darüber, dass der andere so ist wie er ist. Am Punkt totaler Resignation und Erschöpfung entscheiden sich viele zum Nächsten zu ziehen, um dort die kurzfristige Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu realisieren. Leider, denn sie ahnen nicht, dass hier vielleicht die Befreiung von ihrem Trauma möglich gewesen wäre. Aber nach den langen kräftezehrenden Strapazen wollen sie die Menschen, die sie verletzten, einfach loswerden. Natürlich behalten sie ihre Probleme. Mehr noch: sie nehmen sie mit zum Nächsten. Der Kreislauf beginnt von Neuem, da die meisten Strategien nur auf die Linderung der Symptome, nicht aber auf die Heilung der tieferliegenden Ursachen zielen.

Das kann auch gar nicht anders sein. Unsere Probleme – besonders die der Kindheit – sind viel zu komplex und unklar. Dennoch glauben wir sie analytisch wie einen Knoten lösen zu können, einfach indem wir therapeutische Begriff auf unsere Wunden kleben (lassen). Hier liegt das große Problem; in einer Betrachtungsweise des Einzelnen, die ihn auf die Summe seiner Familiengeschichte reduziert, statt ihn als das zu erkennen, was er ist: eine ganze Seele. Die Herauslösung einzelner seelischer Vorgänge aus dem Ganzen ist der Erfassung der Ganzheit einer Seele – ganz zu schweigen von der Chance auf Heilung, zunächst des Einzelnen und dann der Beziehung zweier Menschen – hinderlich, meint Martin Buber.

Das soll nicht heißen, dass es nicht wert wäre, alle Phänomene der Seele zu betrachten. Oft macht das sogar großen Sinn. Buber warnt nur davor, eins dieser Phänomene so in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken als ob damit alles erklärt werden könnte. Es gelingt halt viel zu selten. Außerdem meint er, dass viele Menschen dazu neigen, “aus sich heraus in einen anderen hineinzuschielen,“ ohne dabei weder ganz sich noch den anderen zu meinen.

Keiner von uns ist unversehrt und doch jeder der Liebe wert. Wenn wir uns dauerhaft in diesen Bewusstseinszustand versetzen könnten, hätten unsere Wunden nicht mehr so viel Macht über uns und wir könnten wirklich von innen her heilen. Und genau darum geht es: um echte Heilung. Um wirklich heilen zu können, brauchen wir weit mehr als eine therapierte Familiengeschichte. Wir brauchen Gott. Wir brauchen Liebe, denn Worte und Konzepte können uns im Letzten nicht heilen. Heilen kann uns nur die Liebe. Heilen kann uns nur Gott.

Wir werden aber solange nicht geheilt werden, wie wir an unseren frühkindlichen Geschichten und denen eines anderen festhalten und sie zur Erklärung von Schwierigkeiten missbrauchen. Dabei sagt Jesus doch ganz klar: „Wer von euch mir nachfolgen will, muss sich selbst verleugnen und sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen“ (Matthäus 16,24). Er sagt nicht, wer von Euch lieben will wie ich, heile zuerst sein inneres Kind, seine Familiengeschichte oder sein Kindheitstrauma und folge mir dann nach. Er sagt ganz unmissverständlich, wer lieben will wie ich, lasse alles hinter sich, was ihn von Gott fernhalten will, alles! Unsere Ichbezogenheit, unsere Selbstsucht, unsere geheimen Hintertürchen, unseren Egoismus, uns nicht wirklich ändern zu müssen und eben auch unsere Geschichte.  

Irgendwie habe ich den Eindruck, dass wir vergessen haben, dass Gott unser Arzt ist. Anstatt uns an ihn zu wenden, wenn uns das Leben wieder einmal überwältigt, schlagen wir geschwind in psychologischen Ratgebern nach – wie wenn das die Probleme wirklich lösen könnte – und reduzieren unseren Glauben auf lineares Ursache-Wirkungs-Denken, ganz nach dem Motto: „Dafür wird es doch eine Erklärung in der Kindheit geben“. Sicher, bestimmt gibt es die. Aber hilft das wirklich weiter?

Welche Bedeutung messen wir Gott eigentlich noch für gelingende Beziehungen – sein Spezialgebiet – bei?

Würden wir Gott und seine Idee von Beziehungen so akzeptieren, wie er sie sich vorgestellt hat, könnten wir bestimmt viele Kämpfe vermeiden. Über Gottes Vorstellung von Beziehung zwischen den ersten beiden Menschen, Adam und Eva, schreibt Stephen Greenblatt in seinem Buch Die Geschichte von Adam und Eva (S. 95): Sie seien „kein Geschöpf aus Fleisch und Blut gewesen, sondern eher so etwas wie eine platonische Idee des Menschen; die einzig realen Bewohner des Kosmos. Der Garten habe keine Ähnlichkeit gehabt mit Gärten, wie wir sie kennen, er sei ein Garten für die Seele, quasi ein Hort der Ideen. Der Garten, in dem sie in Herrlichkeit wandelten, war ihre Seele und der Baum des Lebens war ihre höchste Tugend: die Gottesfurcht.“ Die Art und Weise wie wir uns und unsere Beziehungen betrachten, beeinflusst unser Erleben und unser „Wandeln in Herrlichkeit“ sehr.

Adam und Eva hatten sich für einen Umweg zu wahren Erkenntnis entschieden, als sie von jedem besagten Baum aßen. Ihr Weg wurde der des Fehlermachens und des Fehlerberichtigens. Paul Ferrini interpretiert das als eine Wahl, die mit großem Mut getroffen wurde (Jesus spricht: Das Evangelium nach Jesus). Adam und Eva tauschten die Behaglichkeit absoluter Wahrheit gegen die Unbehaglichkeit relativen Wissens ein. Gott aber muss Vertrauen in sie gehabt haben. Er hätte sie ja auch gegen ihren Willen im Paradies festhalten und manipulieren können. Stattdessen respektierte Er ihre Entscheidung und ließ sie “frei”, wohl wissend, dass sie durch Finsternis gehen, von Teufel und Dämonen versucht und sich tief in Dynamiken von Schuldzuweisungen, Verletzungen und Scham verstricken würden.  

Er aber hat an sie geglaubt und, Er muss gewusst haben, dass sein göttlicher Funke, seine Liebe und seine Wahrheit irgendwann in Adam aufleben, vielmehr aufbegehren werden wollen. Er muss gewusst haben, dass Adam, sobald er sich dieser Liebe bewusst werden würde, das Licht entdecken und nach Hause finden würde. Er muss gewusst haben, dass der Tag kommen würde, an dem sich Adam an den Äon, an Ihn und an seine bedingungslose Liebe im Garten erinnern würde – Eva sei Dank.

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#11
Schönheit wird die Welt retten

Ja, wahrscheinlich nur nicht so. Wahrscheinlich nicht mit dem gegenwärtigen Zeitgeist und seiner Verherrlichung von Makellosigkeit, Perfektionismus und ewiger Jugend. Makellosigkeit, Perfektionismus und ewige Jugend sind keine göttlichen Strategien, sondern Ausdruck einer tiefsitzenden Angst vor der eigenen Wertlosigkeit. Da sie keinen Frieden bringen können, erzeugen sie einen Teufelskreis aus lebensverneinenden Gedanken, falschen Wert- und Lebensvorstellungen sowie Illusionen darüber, was eine Bauchdeckenstraffung, In­timzo­nenop­ti­mie­rung oder ein „Mom­my Make­over“ – die Ganz­kör­per­rund­um­er­neue­rung für “50 ist das neue 30-Frauen“ – nicht alles reparieren könnte. Aber nichts davon kann Mr. Right halten. Nichts davon kann die Zufriedenheit im Job erhöhen und nichts davon gefällt Gott.

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#10
Die letzte Bastion

Wir leben in einer Zeit, die von einer gesellschaftlichen Krise gekennzeichnet ist. Begonnen hat diese Krise Ende des 18. Jahrhunderts mit der Epoche der Romantik. Romantiker wie Jean-Jacques Rousseau waren überzeugt von der grenzenlosen Tugendhaftigkeit von Männern und Frauen. Sie hielten nichts von Philosophien über die innere Mangelhaftigkeit der menschlichen Seele und davon, jeden Tag gegen die inneren Schwächen anzukämpfen. Vielmehr ebneten sie den Weg für die heutige Eat-Pray-Love-Kultur unserer Gesellschaft. Unter den Stichworten des „Selbstwerts“ und der „Selbstliebe“ verbirgt sich aber nicht ein Weg zur Heiligkeit der menschlichen Seele, sondern tatsächlich zur radikalen Zersetzung und Entgemeinschaftlichung.