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5. Oktober 2019

#9

Entzauberung der Weiblichkeit

Bild Beitrag #9

Die alten Griechen haben das Phantasiewesen des Zentauren geschaffen, das sich aus zwei verschiedenen Geschöpfen zusammensetzt. Die moderne Frau des 21. Jahrhunderts gleicht ihm auf erschreckende Art und Weise. In einer Person ist sie Nachfolgerin der ersten Frau – schön, zart und heilig – und zugleich Prototyp eines neuen, materialistischen Gesellschaftsverständnisses – gewinnorientiert, leistungsbereit und ehrgeizig. Als Mutter, Schwester oder Partnerin öffnet sie intuitiv Räume der Hoffnung für alle Nöte und Sorgen. Als Managerin und Arbeiterin sorgt sie ergeben dafür, dass die Zahlen stimmen.  

Weiblichkeit schwingt in ihrem Inneren, Männlichkeit regiert ihr Äußeres. Dem einen entspricht Wahrhaftigkeit, dem anderen Angepasstheit. Das eine fühlt, das andere denkt. Das eine versteht, das andere fordert. Das eine erbaut, das andere argumentiert.

In der Art wie sie Erwartungen erfüllt, ist die moderne Frau rigoros, bedingungs- und immer mehr auch rücksichtslos – vor allem gegen sich selbst. In der Art wie sie gern gesehen und am liebsten behandelt werden würde, ist sie jedoch bedürftig, unzufrieden und hungrig. Sie soll dem Wirtschaftssystem dienen und in die Rentenkasse einzahlen, aber auch ganz nebenbei Kinder kriegen und die Familie zusammenhalten. 

Das Wirtschaftssystem braucht perfekt ausgebildete und leistungsstarke Kopfmenschen. Stabile und gesunde Familien erfordern warme und liebevolle Herzmenschen. Menschen aber, die ein reiches Innenleben pflegen, keine Angst vor Gefühlen haben und deren höhere Instanz nicht an die Inflationsrate gebunden ist, sind dem Wirtschaftssystem suspekt (in dem Punkt sind sich Kapitalismus und Kommunismus zum Verwechseln ähnlich) und so fordert es ein neues Gesellschaftsbild: Die moderne Frau.

Ganz gewiss hat die Doppelrolle auch ihren Charme. Die moderne Frau kann sich damit in zwei Welten bewegen, in der Privaten und der Öffentlichen – so die Theorie. Wehe nur, die Sollbruchstellen kommen zum Vorschein. Dann wird sichtbar, dass wir Frauen uns unserer wahren Emanzipationsaufgabe noch gar nicht gestellt haben. Dann wird deutlich, dass wir lediglich männliche Formen übernommen haben – ihre Hosen, ihre Sprache, ihre Ziele und ihre Art zu denken oder Probleme zu lösen. Dann wird klar, dass wir immer noch in einer patriarchalen, androzentristischen Männerwelt leben – nun nicht mehr unterdrückt, sondern entzaubert und offensichtlich entstellt. 

Diese Entstellung hat verheerende Auswirkungen, besonders auf die Anziehungskraft zwischen Mann und Frau: „Frauen wurden nicht erzogen für diese Ellenbogengesellschaft, in der wir jetzt leben. Sie wollen wählen, rauchen, Waffen handhaben, die sie nicht kennen. Sie fahren Lastwagen. Wenn sie die wenigstens in den Graben steuern würden! Aber nein, sie beherrschen sie sehr gut, und genau das ist die Katastrophe,“ meint Coco Chanel (Die Kunst, Chanel zu sein, S. 181).

Die Katastrophe ist, dass wir uns etwas auf unsere Emanzipation einbilden, dass schon so viel Stolz in unsere Herzen eingezogen ist, dass wir unsere scheinbaren Mängel kaschieren und uns damit selbst entstellen, obwohl sie doch in Wahrheit große Schätze sind. Die große Katastrophe ist, dass wir eigentlich nur eins wollen: geliebt werden und zwar von ihnen, den Männern. Die jedoch wissen oder glauben es nicht (mehr). Sie glauben es nicht mehr, weil wir in ihre aktiven Rollen geschlüpft und die Aufgaben verdreht sind. Neuerdings werben wir um ihre Gunst. Neuerdings erobern wir ihre Herzen. Neuerdings tun wir alles, um ihre Zuneigung zu gewinnen. Neuerdings schenken wir ihnen pro bono unser Vertrauen; kein Hauch mehr vom brennenden, dringlichen Wunsch, uns ihre Integrität unter Beweisen stellen zu müssen so als gäbe es nichts Wichtigeres auf dieser Welt.

Irgendetwas ist faul im Staate Dänemark – und on top bieten wir ihnen noch dazu viel zu früh unverbindlichen Sex an, wohlfeile Austauschbarkeit und eine im vorauseilenden Gehorsam durchrationalisierte Versachlichung des rein auf das Körperliche reduzierten, neuen Beziehungsformats, schön verpackt von uns modernen Frauen. Alles nur, um sie ja nicht zu vertreiben, denn irgendetwas in uns sagt uns sehr deutlich, dass wir sie trotz aller Emanzipation brauchen und wollen. 

Dieses Geständnis erschüttert. Aber nur Erschütterungen können an den Punkt führen, an dem sich ein kleiner Wandel ergeben kann, eben einer von jenen, die so klein sind, dass sie Großes bewirken können. Eine winzige Verschiebung der Perspektive. Vom Selbstbewusstsein zur Selbstachtung. Weg von der Selbstbezogenheit, der Selbstsucht, dem unentwegten Streben nach Bestätigung hin zu den Fragen: Müssen wir das alles mitmachen? Macht uns das Neue denn irgendwie liebevoller, schöner, edler? Gewinnen wir wirklich mehr Freiheit und Würde, wenn wir unter der Formel gleichen Rechts, Vorstandsposten bekleiden oder als Soldaten im Einsatz kämpfen?

Allmählich merken wir, wie groß die alltäglichen Selbsttäuschungen der Gleichheitsdoktrin, wie trügerisch die Illusionen des Feminismus und wie maskenhaft die säkularen Ideologien in Wirklichkeit sind. Allmählich merken wir, dass das, was Männern einen Pluspunkt verschafft, für Frauen oft ein Minus bedeutet. Allmählich merken wir, dass die ursprünglich guten Absichten der Emanzipation aufgearbeitet sind an ihrer eigenen Ideologie, hypostasiert wie Götzenbilder für ihre Gläubigen und Nutznießer – im Grunde verstärken sie fast nur noch die Tendenzen zur Selbstüberhöhung und Selbstprofilierung. Wer weiß, vielleicht konnte uns die Emanzipation auch nur deshalb aus einem Zustand der Selbstverleugnung befreien, weil sie ihn uns zuvor lange genug eingetrichtert hatte? 

Klar ist: Wir brauchen keine neue Armada von Kopfmenschen. Wir brauchen nicht noch mehr Menschen, die diesem Wirtschaftssystem frönen. Wir brauchen Herzmenschen. Wir brauchen Frauen mit weiblichen Tugenden. Frauen, die ihre Familien wieder verstehen; nicht solche, die an den Sollbruchstellen zweier Welten einfach zerrieben werden. Wir brauchen Frauen mit praktischem, alltäglichem Wissen und einem klaren inneren Kompass. Frauen, die wissen, was zu tun ist, auch dann, wenn ihnen vollkommenes Wissen fehlt. Frauen, die Herzensgüte und -weisheit wieder höher achten als Rationalität und Vernunft. Frauen, die nicht jeden Tag auf die Jagd gehen und etwas erlegen müssen, um sich zu spüren. Wir brauchen Frauen, die wieder Lust an echten Bindungen haben; die dem Mann seine Rolle lassen können, weil sie ihre ganz eigene Rolle haben und darin unerschütterlich glücklich sind. Und wir brauchen Frauen, die den abstrakten Verheißungen neuer Ideologien und der Anwendung allgemeingültiger Regeln für alle möglichen Situationen des Lebens misstrauen.

Die Frage ist: Wie?

Die Antwort muss lauten: Indem wir, zumindest teilweise, dem Zeitgeist widerstehen. Indem wir jeden Tag die neuen wunderbaren Gelegenheiten nutzen, um die Tugenden unserer Weiblichkeit zu stärken. Vielleicht gerade im leisen, stillen Ringen mit der Emanzipation und dem Feminismus. Vielleicht sind genau sie die ebenbürtigen Gegner, die uns auf die Probe stellen, die uns fordern, dazu drängen und die wir zugegebenermaßen auch brauchen, um uns der Fähigkeiten wahrhaftiger Weiblichkeit bewusst zu werden und um diese überhaupt vollkommen ausschöpfen zu können. 

Bild Beitrag #8

#8  Basis aller Beziehung 

Blickt man hinter die Kulissen der Wirtschaft, der Politik oder gar mancher Beziehung, zeigt sich oft ein seltsames Bild. Statt eines harmonischen und respektvollen Miteinanders von Männern und Frauen, dessen Stelldichein wir nach dem großen Wurf der Emanzipation für selbstverständlich hielten, begegnen uns überraschenderweise Dominanz- und Unterwerfungsgehabe auf beiden Seiten. Sowohl Männer als auch Frauen nehmen oft banale Kleinigkeiten zum Anlass für ein Kräftemessen. Erst wenn ein Zustand des „Ich = oben, Du = unten“ erreicht ist, sind sie scheinbar zufrieden. Bis zum nächsten Anlass eben. 

Bild Blog #7

#7  Vom schwächeren Gefäß

Bei einer Auktion in England wurde eine 270 Jahre alte chinesische Vase für umgerechnet ca. 60 Millionen Euro versteigert. Sie ist damit das teuerste Gefäß der Welt. Das ist für sich genommen noch nichts Besonderes. Für chinesische Vasen legen Sammler ja schon mal gern Millionen hin. Erstaunlich ist nur, dass etwas so Zartes und Zerbrechliches, ein so hohes Gebot hervorrufen kann. Liegt der hohe Wert vielleicht gerade in der Zartheit und Zerbrechlichkeit?