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1. Juni 2020

#15

Du bist mein

Bild Beitrag #15

Eines Sonntags, ich war auf der Durchreise in einer fremden Stadt, wollte ich bevor es weiterging in die Heilige Messe. Ich hatte bereits alles für die Weiterfahrt gepackt, aus dem Hotel ausgecheckt und mich auf die Suche nach einer Kirche gemacht. Es hatte etwas gedauert bis ich eine fand, aber kurz nach zehn trat ich in eine wunderschöne, gotische Kirche ein. Zu meiner großen Überraschung war die Kirche ziemlich voll, also blieb ich hinter der letzten Bankreihe stehen. Nachdem ich keinen für mich erreichbaren Platz erspähen konnte, richtete ich mich auf eine Stunde Stehen ein. Wenige Minuten später jedoch kniete ich vor Gott und presste meinem Schal fest auf meinen Mund in der Hoffnung, dass niemand bemerken würde, wie ich um meine Fassung und mein Make-up rang, während große, heiße Tränen über mein Gesicht liefen. 

Was war passiert?

Der Priester – er hatte eine wunderschöne, tiefe und zugleich weiche, sanfte Stimme – begann seine Predigt mit einer chassidischen Erzählung.

Ein junger Jude kommt zu einem Rabbi und sagt: „Rabbi, ich möchte gern dein Jünger werden.“  Da antwortet der Rabbi: „Gut. Das kannst du. Aber Du musst mir vorher eine Frage beantworten.“ Der Schüler willigt ein und der Rabi fragt ihn: „Liebst du Gott?“ Da wird der Schüler des Rabbis traurig und sagt: „Lieben, das kann ich eigentlich nicht behaupten.“ Daraufhin fragt der Rabbi freundlich: „Hast du dann wenigstens Sehnsucht danach, Gott zu lieben?“ Der Schüler überlegt eine Weile und erklärt immer noch bedrückt: „Manchmal spüre ich die Sehnsucht danach, ihn zu lieben, schon, aber meistens habe ich so viel zu tun, dass diese Sehnsucht im Alltag untergeht.“ Da zögert der Rabbi und sagt dann: „Wenn du die Sehnsucht, Gott zu lieben, nicht so deutlich spürst, hast du dann wenigstens Sehnsucht danach Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben?“ Da erhellt sich das Gesicht des Schülers und er sagt: „Genau das habe ich. Ich sehne mich danach, diese Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben.“ „Das genügt“, strahlt der Rabbi, „Du bist auf dem Weg.“

Raum und Zeit hörten auf zu existieren als ich diese Erzählung hörte. Es war als ob Jesus durch den Priester zu mir sprach, als ob seine wunderschöne, tiefe und zugleich weiche, sanfte Stimme mich fragte: „Und Caroline! Liebst Du mich?

Seine Frage fuhr wie ein Feuerschwert in mein Herz und löste eben jenen Sturm von Gefühlen aus, der mich in der Kirche überwältigte. Mir war eng, heiß und kalt – alles gleichzeitig. Diese simple Frage spülte so viel Verdrängtes an die Oberfläche. Aber irgendwie wusste ich auch, dass gerade etwas Heiliges passiert.

Mein Herz schrie: „Ja, ich liebe Dich, Herr!“ Im gleichen Moment spürte ich jedoch, wie kühn dieses „Ja“ gewesen war. Sofort stieg Scham in mir auf und die kompromittierende Einsicht, dass ich von der Liebe doch überhaupt keine Ahnung hatte. Klar hatte ich bereits Beziehungen „geführt“, aber von der Liebe – von der echten Liebe – wusste ich ehrlich gesagt bescheiden wenig. Bis zu diesem Tag.

Ich bin ein eifersüchtiger Gott

Als ich so vor Gott kniete und dieser Sturm von Gefühlen aus dem Nichts über mir einbrach begann ein inniger Dialog zwischen Gott und mir. Ich lernte Gott von einer Seite kennen, wie ich es nie von Gott gedacht hätte. Er fragte mich: „Wenn Du mich liebst, warum hängst Du Dein Herz an einen anderen und warum erhebst Du ihn auf meinen Platz? Wenn Du mich liebst, warum verlierst Du Dein Herz dann überhaupt in dieser Welt? Wenn Du mich liebst, warum achtest Du mein Gesetz dann nicht?

Verlegen fragte ich zurück: „Von welchem Gesetz redest Du?“ Da sagte Gott: „Ich spreche vom Gesetz, dass Du ganz sein sollst, dass Du nichts verleugnest an Dir, dass Du nichts ablehnst in Dir, dass Du nichts verachtest, was Dich bewegt. Dass Du einfach nur ganz sein sollst!“ 

Damit endete unser Gespräch aber nicht. Im Gegenteil. Gott fing gerade erst richtig an und er machte dabei keine Gefangenen: Schenke mir Dein Herz. Wenn Du es mir schenkst, wenn Du es mir ganz gibst, mir allein, dann wird alles von Dir abfallen, was Dich bedrückt: Kampf, Mühsal, Verzweiflung, Schmerz, Kummer und Leid. Es gibt nur eine Liebe, die keine Grenzen kennt, keinen Mangel, keine Trennung, keinen Verrat und das ist meine Liebe. Weißt Du denn nicht, dass keiner mehr von der Liebe versteht als ich? Ich bin der Geliebte, der Liebhaber und die Liebe. Ich bin alles was Du willst und alles was Du brauchst.

Wofür ich mich in meinen Liebesbeziehungen so abgrundtief schämte, machte Gott keinen Hehl: seine Eifersucht. Das Fordern voller Aufmerksamkeit, das Verlangen ganzer Beachtung, das Begehren uneingeschränkter Zuneigung, das Erheben des Anspruchs auf leidenschaftliche Hingabe als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Ich habe immer gemeint, dass wahre Liebe selbstlos und frei von Besitzdenken sein muss, dass Eifersucht Gift für Beziehungen ist und nun wurde ich von Gott eines besseren belehrt. Er hatte keine Komplexe wegen seiner Eifersucht – ganz im Gegensatz zu mir.

In 2. Mose 20,5-6 heißt es: „Wirf‘ dich nicht vor fremden Göttern nieder und diene ihnen nicht. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein leidenschaftlich liebender Gott – ein eifersüchtiger Gott sagen andere Übersetzung – und erwarte auch von dir ungeteilte Liebe. Wer mich verachtet, den werde ich bestrafen. Sogar seine Kinder, Enkel und Urenkel werden die Folgen spüren! Doch denen, die mich lieben und sich an meine Gebote halten, bin ich gnädig. Sie und ihre Nachkommen werden meine Liebe über Tausende von Generationen erfahren.“ Gott ist über alle Maßen eifersüchtig.

Eifersucht und Liebe

Eifersucht ist etwas, das alle Menschen kennen und daher wissen, wie es sich anfühlt: nämlich schrecklich. Eifersucht stürzt uns in Verzweiflung und Ohnmacht, weil sie das infrage stellt, was uns am wichtigsten ist: die Liebe eines geliebten Menschen. Dennoch liegt in ihr eine Gnade, vorausgesetzt man fängt an, sie ganz und aufrichtig zu fühlen. 

Was heißt es, Eifersucht zu fühlen?

In meinem Fall bedeutete es, Gefühle wie das unzufriedene Anklagen und das possessive Fordern gegenüber einem Geliebten und das drängelnde Sich-Verzehren nach seiner Entscheidung, sich und sein Herz doch endlich – aber natürlich freiwillig und gern!-, zu verschenken an nur eine Einzige und zwar am besten an: mich, mit ganzem Herzen wahrzunehmen, zu verstehen, anzunehmen und zu würdigen für das, was es gerade in diesem Moment war: eine versteckte Angst, eine schlimme Verletzung, ein tiefer Schmerz und ein schweres Trauma meiner Geschichte. Vor allem aber war sie – in diesem Moment: meine eigene Wahrheit. 

Wahrheit ereignet sich als menschliche Realität einzig in der Auseinandersetzung mit dem was gerade ist. Und wenn ich eifersüchtig war, war das eben in diesem Moment meine Wahrheit. Sich dieser Realität zu stellen und durch das zarte Sich-Öffnen für die eigene Wahrheit, viele Male – immer wieder, unermüdlich, in kleinen Schritten -, entzündet sich, wie Platon meint, wie von einem fliegenden Funken im Nu ein Licht, das den Schatten der Eifersucht, der gerade noch da war, erhellt und verwandelt. Denn Gott hat die Macht alles umzukehren. Selbst Eifersucht in Liebe.

Das heißt es, Eifersucht zu fühlen. Die eigene Wahrheit, die eigenen Gefühle seien sie noch so peinlich oder noch so niedrig, nicht zu verurteilen, sondern das, was sich hinter der Eifersucht verbirgt, einfach mal da sein zu lassen. Es nicht abzuspalten, zu verleugnen, zu bagatellisieren oder zu verachten, sondern es zu spüren. Zu spüren, wo Enge, Kälte, Hitze und Verspannung im Körper sitzen und zu lauschen, was sie sagen möchten, denn oft hat Eifersucht nicht nur etwas mit Besitzansprüchen zu tun, sondern v.a. mit engen, intimen und innigen Herzensbindungen. 

Und plötzlich in diesem Spüren und Fühlen passierte es. Plötzlich hatte ich Erbarmen mit mir selbst, mit meiner Eifersucht, meinen Verletzungen und meinem Schmerz, aber auch mit der Eifersucht, den Verletzungen und dem Schmerz anderer. Und ich hatte Erbarmen mit der Eifersucht, der Verletzung und dem Schmerz, den Gott mir offenbarte. Das war der Moment, in dem mein Herz aufging und Jesus eintrat.

Weil wir ihm rechtmäßig gehören 

Dieser Moment als ich in der Kirche kniete, Gott um mich warb, ich alles verstand, Jesus sachte den Schal von meinem Gesicht nahm und meine Tränen wegwischte, fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Ich fragte ihn, warum Liebe in meinem Leben bisher immer mit so viel Schmerz verbunden war. Sanft und zärtlich antwortete Er mir: „Weil Du am falschen Ort gesucht hast. Der Schmerz, den Du fühlst, ist nicht Dein Schmerz. In Wahrheit ist er mein Schmerz. Und Deine verzweifelte Sehnsucht nach der Liebe, der Du nachjagst, ist nicht Deine Sehnsucht nach der Liebe, sondern in Wahrheit ist sie meine verzweifelte Sehnsucht nach Dir.

Ich begriff, dass Gott mich die ganze Zeit gesucht hatte und dass Er seinen rechtmäßigen Platz in meinem Herzen wieder haben wollte. Er hätte keine Ruhe gegeben, bis er ihn wieder und mich zurück in sein Reich geholt haben würde. Gott will geliebt werden, aber nicht auf irgendeine beliebige Art und Weise bzw. mit dem bisschen Rest, der noch übrig bleibt, wenn wir bereits jemanden lieben, sondern Er will von uns geliebt werden auf genau die Art und Weise wie Er uns liebt: ganz! Denn so spricht der Herr, der uns erschaffen und der uns gebildet hat: “Du bist mein” (Jes 43,1). 

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#14
Wonach die Welt verzweifelt sucht

Die Leidensgeschichte Jesu des Markus-Evangelium ist eine Männergeschichte, meint zumindest Eugen Drewermann. Alles was dort passiert, wurde von Männern geplant und ausgeführt, bemerkt er in Die Botschaft der Frauen. Erst ganz am Ende, unter dem Kreuz wird es langsam still, leer und weiblich. In den entscheidenden Stunden am Ölberg, „als eine Finsternis über das ganze Land kam und Jesus mit lauter Stimme schrie: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, sind nicht die Jünger bei Jesus, sondern: ein paar Frauen.

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#13
Sich selbst erobern

Das ist weit mehr als sich einen ruhigen Abend auf dem Sofa oder ein heißes Bad zu gönnen. Und es ist definitiv auch weit mehr als sich selbst ein bißchen besser zu lieben, seine Erfolge ein bißchen mehr wertzuschätzen oder ein bißchen deutlicher für sich einzustehen. „Sich selbst erobern“ beginnt im Inneren. Es beginnt mit der Fähigkeit, sich selbst zu erkennen und in Übereinstimmung mit dieser Erkenntnis bzw. der eigenen Natur zu leben. Wie aber erkennt man sich eigentlich als Frau in einer modernen Gesellschaft, die männlich fühlt und materialistisch denkt? Ich lebte viele Jahre an mir und meiner Natur völlig vorbei, vor allem dann, wenn ich meine Tage hatte.