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1. November 2019

#10

Die letzte Bastion

Bild Beitrag #10

Wir leben in einer Zeit, die von einer gesellschaftlichen Krise gekennzeichnet ist. Begonnen hat diese Krise Ende des 18. Jahrhunderts mit der Epoche der Romantik. Romantiker wie Jean-Jacques Rousseau waren überzeugt von der grenzenlosen Tugendhaftigkeit von Männern und Frauen. Sie hielten nichts von Philosophien über die innere Mangelhaftigkeit der menschlichen Seele und davon, jeden Tag gegen die inneren Schwächen anzukämpfen. Vielmehr ebneten sie den Weg für die heutige Eat-Pray-Love-Kultur unserer Gesellschaft. Unter den Stichworten des „Selbstwerts“ und der „Selbstliebe“ verbirgt sich aber nicht ein Weg zur Heiligkeit der menschlichen Seele, sondern tatsächlich zur radikalen Zersetzung und Entgemeinschaftlichung. 

Es scheint besonders ein Zeichen unserer Zeit zu sein, dass Menschen heute egoistischer sind als zu jeder anderen Zeit. David Brooks beschreibt in seinem Buch Charakter. Die Kunst Haltung zu zeigen, welcher kulturelle Wandel in den letzen 50 bis 60 Jahren in unserer Gesellschaft stattgefunden hat. Er fand zum Beispiel heraus, dass 1950 nur 12 Prozent einer Gruppe befragter Abiturienten glaubten, sie seien eine sehr wichtige Person. 2005 waren bei der gleichen Umfrage bereits 80 Prozent dieser Meinung. Und in einer anderen Umfrage wurden 1976 vor allem junge Menschen nach ihren persönlichen Lebenszielen interviewt. Das Lebensziel Popularität und Ruhm rangierten damals auf Platz 15 von 16. Dreißig Jahre später meinten 51 Prozent der Befragten, dass es eines ihrer höchsten Lebensziele sei, berühmt zu werden.

Seiner Meinung nach sind diese Ruhmsucht und dieser Egoismus kein Zufall, sondern das Ergebnis eines neuen Evangeliums. Eines Evangeliums, das Anfang des letzten Jahrhunderts einzog in unsere Gesellschaft und das nicht mehr die Heilsgeschichte Jesu verkündet, sondern die Heilsgeschichte der Selbstliebe: Liebe Dich selbst und es ist egal wen du heiratest; Sei Dir ein guter Freund oder Nichts an Dir ist verkehrt. Von der Liebe zum Nächsten – ganz zu schweigen von der zu Gott – ist kaum noch ein Ton zu hören, so als hätte sie es nie gegeben.

In seiner Beurteilung macht das neue Evangelium jedoch zwei schwerwiegende psychologische Fehler. Erstens erhebt es die Selbstliebe zum höchsten Gebot. Die Selbstliebe ist aber das zweite Gebot und auch nur ein Teil davon: „Liebe den Herrn, deinen Gott, mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden“ (Markus 12,30-31). Zweitens verändert es die Grundannahmen über die menschliche Natur. Anscheinend stören sich viele Vertreter des neuen Evangeliums daran, wie die menschliche Natur in Wirklichkeit ist: nämlich tief gespalten, einerseits hervorragend begabt und andererseits durch und durch mangelhaft, jederzeit dazu in der Lage, irgendeine Pervertiertheit der Seele – sei es Egoismus, Ruhmsucht, Bequemlichkeit oder Neid – auszuleben, zeigen wir ihr nicht wieder und wieder entschlossen die Stirn.

Wohin führt es uns, wenn alle meinen, es drehe sich alles nur noch um uns? Wo landen wir, wenn alle so tun, als hätten wir nur noch Stärken und keine Schwächen mehr? Was passiert, wenn wir akzeptieren, dass es keine guten Gründe mehr geben soll, die göttliche Hierarchie der Liebe zu respektieren? Dann entsteht etwas Schräges. Dann entsteht ein Irrglaube.  

Der Irrglaube von „die Mitte aller Glückseligkeit liegt in dir. Du bist Dein Gott“, ganz nach dem Motto: Du musst nur fest genug an Dich glauben, Dir oft genug sagen, wie wundervoll Du bist, Dich selbst lieben und schon wirst Du glücklich, stark und selbstbewusst. Das werden die meisten aber eben nicht. Spätestens, wenn sie einem anderen im realen Leben begegnen und dieser sich anders verhält, als sie es erwarten, ist Schluss mit ihrer jovialen Großzügigkeit. Dann schleudern dessen Schwächen sie aus ihrer Pseudo-Mitte heraus und konfrontieren sie: mit sich selbst. Dann verdunkelt sich die goldene Figur in ihrem Inneren und sie werden ungehalten, laut, rasend, traurig, bitter, zynisch, vorwurfsvoll… Mangelhaft eben. 

Hier zeigt sich dann, dass die Heilsgeschichte von der Selbstliebe keine ist, dass die Mitte aller Glückseligkeit eben noch nie in uns lag, sondern schon immer irgendwo auf halben Weg zwischen uns und einem anderen und dass die winzig kleine Verschiebung in der Hierarchie der Liebe vor allem eines bewirkt: Die Demokratisierung des Narzissmus.

Narzissmus. Die Volkskrankheit unserer Zeit, entliehen dem Drama einer alleinerziehenden Mutter der griechischen Mythologie, die versucht aus der Tragödie einer Vergewaltigung das Beste zu machen. Ein Wahrsager prophezeit ihr jedoch, dass das Leben ihres Sohnes Narziss tragisch enden wird, mit dem Tag, an dem er sich selbst erkennt. Eines Nachmittags passiert es dann: Narziss sieht in einem See sein Spiegelbild, verliebt sich unsterblich in sich selbst, rutsch ab in die Selbstsucht, vereinsamt und ertrinkt. 

Die Prophezeiung des jungen Narziss könnte unsere eigene werden, wenn wir so weiter machen. Auf dem Grabstein unserer Leistungs-, Selfi- und Insta-Gesellschaft wird dann mahnend stehen: „Wichtig, berühmt und einsam zugrunde gegangen.“ Zugrunde gegangen an sich selbst. An Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen, an Konkurrenz- und Effizienzdenken, am kleinen und großen Alltagsegoismus, an Selbstsicherheit und Selbstverliebtheit. An der Sucht nach Überlegenheit, Inszenierung und Rausch durch Bestätigung. An der Befreiung des Übermenschen, der Gott aus jedem Schlupfwinkel dieser Gesellschaft verjagt und dessen Ideale nicht mehr die Tafeln Mose sind, sondern: Me, Myself and I – ganz demokratisch, wissenschaftlich und fortschrittlich-liberal versteht sich.

Tief im Inneren spüren wir jedoch, dass das nicht stimmen kann. Noch nie habe ich jemanden sagen hören: „Mein größter Traum ist eine Ehe mit mir selbst“ oder: „Am Ende meines Lebens will ich allein sterben – so wie Narziss, der war sich ja auch genug.“ Immer und überall ist aber die Rede von Beziehung, von Vertrauen, von Geborgenheit und: vom Anderen. Immer und überall ist der Wunsch allgegenwärtig nach einem happy end mit dem Anderen, nicht ohne ihn. Immer und überall ist die Sehnsucht nach dem himmlischen Ideal zum Greifen nah. Die meisten wünschen sich insgeheim diesem einen Wesen im Leben zu begegnen, dem einen, das in dieser Welt der zerrissenen Leiber und Seelen, wieder eine funktionierende – notfalls auch göttliche – Ordnung repräsentiert. 

Hier, an diesem gesellschaftlichen Tiefpunkt größter Selbstbestimmung und Singularität, an den uns nur der aufmüpfige Übermensch führen konnte, halten wir alle Ausschau. Ausschau nach ihr. Nach der letzten Bastion. Und vielleicht ist sie auch nur hier zu finden. So wie damals, an jenem unscheinbaren Tag als sich die verborgenen Kräfte des Herrn ihren Weg in unsere Welt bahnten und der Engel des Herrn einer jungen Frau am Brunnen erschien und zu ihr sagte: „Gesegnet bist du, Maria, denn in Deinem Schoß hast du eine Wohnung für den Herrn bereitet. Siehe, Licht vom Himmel wird kommen und in dir wohnen und durch dich in aller Welt leuchten,“ in Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten (S. 325)

Nicht Selbstliebe, Ich-Zentrierung und Befreiung haben sie offen und empfänglich gemacht für das größte Geheimnis des Abendlandes, sondern ihre große Liebe für Gott. ER war ihr Mittelpunkt. Nicht sie selbst. Durch diese Bewegungen ihres Herzens war sie in der Lage, das Absolute zu einem Akt der Erlösung zu verführen.

Wo wären wir heute, wenn wir das wieder glauben könnten? Wo stünden wir, wenn wir wieder Vertrauen hätten, dass Frauen genau dazu in der Lage sein können, vielleicht sogar dazu bestimmt sind? Wie wäre es hier wohl, wenn wir wieder wüssten, dass Frauen allumgeben sind von den verborgenen Kräften des Herren? Und was wäre eigentlich, wenn die Welt droht, am Maskulinen zugrunde zu gehen und der Archetyp des Weiblichen ihre letzte Bastion wäre?  

Bild Beitrag #9

#9  Entzauberung der Weiblichkeit

Die alten Griechen haben das Phantasiewesen des Zentauren geschaffen, das sich aus zwei verschiedenen Geschöpfen zusammensetzt. Die moderne Frau des 21. Jahrhunderts gleicht ihm auf erschreckende Art und Weise. In einer Person ist sie Nachfolgerin der ersten Frau – schön, zart und heilig – und zugleich Prototyp eines materialistischen Gesellschaftsverständnisses – gewinnorientiert, leistungsbereit und ehrgeizig. Als Mutter, Schwester oder Partnerin öffnet sie intuitiv Räume der Hoffnung für alle Nöte und Sorgen. Als Managerin und Arbeiterin sorgt sie ergeben dafür, dass die Zahlen stimmen. 

Bild Beitrag #8

#8  Basis aller Beziehung

Blickt man hinter die Kulissen der Wirtschaft, der Politik oder gar mancher Beziehung, zeigt sich oft ein seltsames Bild. Statt eines harmonischen und respektvollen Miteinanders von Männern und Frauen, dessen Stelldichein wir nach dem großen Wurf der Emanzipation für selbstverständlich hielten, begegnen uns überraschenderweise Dominanz- und Unterwerfungsgehabe auf beiden Seiten. Sowohl Männer als auch Frauen nehmen oft banale Kleinigkeiten zum Anlass für ein Kräftemessen. Erst wenn ein Zustand des „Ich = oben, Du = unten“ erreicht ist, sind sie scheinbar zufrieden. Bis zum nächsten Anlass eben.