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4. Dezember 2020

#17

Die Kunst des Liebens

Nein, das wird kein neues Tantra-Tutorial und auch kein Beitrag über die heißesten Sex Trends für das nächste Jahr. Es soll tatsächlich um sie gehen: die Liebe. Jeder möchte sie haben, am besten auf den ersten Blick und am liebsten ein Leben lang, aber bei einer Scheidungsrate von fast 50 Prozent und einer wahrscheinlich unfassbar hohen Dunkelziffer der juristisch nicht erfassten Auflösungen vorehelicher Beziehungen dürfen wir weder naiv noch empfindlich sein. Die Liebe ist das Schwerste, das uns Menschen aufgegeben ist. 

Erich Fromm denkt sogar, dass es wohl kaum ein anderes Unterfangen gibt, das mit so ungeheuren Hoffnungen verbunden ist, mit so großen Erwartungen begonnen wird und trotzdem mit einer solchen Regelmäßigkeit fehlschlägt wie die Liebe. Denn seiner Meinung nach begehen Menschen in Bezug auf die Liebe viele fundamentale Fehler. 

Ein Fehler ist zum Beispiel, dass viele Menschen das Hauptproblem der Liebe darin sehen, selbst geliebt zu werden, statt zu lieben. Sie verstehen Liebe als etwas, dass zuerst empfangen und nicht als etwas, das gegeben wird – unabhängig davon, ob es Retour kommt oder nicht. Ein weiteres Problem der Liebe ist, dass Liebe oft im Fahrwasser der Fairness (oder anderer, demokratischer Werte) mitschwimmt. So wird der Austausch von Zuneigung, Achtung und Vertrauen oft an die Ethik „Wie Du mir, so ich Dir“ gebunden. Der größte Fehler in Bezug auf die Liebe ist meines Erachtens jedoch ein anderer, nämlich das Festhalten an der Illusion, es dürfe zwischen zwei Seelen, die sich lieben, niemals zu Konflikten kommen. 

Genauso wie Menschen glauben, Schmerz und Traurigkeit unter allen Umständen vermeiden zu müssen, glauben sie, wahre Liebe würde die Abwesenheit von Konflikten bedeuten. Und natürlich ist eine Welt schöner, in der es nie zu Auseinandersetzungen kommt – vor allem nicht zu diesen fiesen Machtkonflikten, die oft nichts anderes sind als destruktive Entladungen unzufriedener und bösartiger Energien –, aber ist das realistisch?

Nein. Universeller Einklang zwischen Menschen von Anfang an und dann für immer und ewig ist eher unrealistisch. Beziehungen, die diesen Hollywood-Einklang idealisieren und Konflikte unbedingt vermeiden wollen, laufen – wie Erich Fromm in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ darlegt – auf schale, oberflächliche Arrangements zwischen zwei Menschen hinaus, die sich selbst und einander im Grunde ihr ganzes Leben lang völlig fremd bleiben. Sie gelangen nie wirklich zu sich selbst und auch nie bis zum Herz des anderen. Im besten Fall behandeln sie sich höflich und bemühen sich, es dem anderen etwas leichter, vielleicht sogar recht zu machen – was ja auch schon jede Menge wert ist. Aber das ist eben trotz all der guten Absicht keine Liebe. 

Im Gegenteil. Was sie für Liebe, Vertrautheit und Harmonie halten, ist in Wirklichkeit Konformität. Eine mit dem Willen oder dem Verstand, in jedem Fall durch redliches Bemühen – schließlich sind wir ja alle vernunftbegabte Wesen mit einem freien Willen, die sich “nur” für die Liebe entscheiden und sich “nur” ein bisschen anstrengen müssen – rationalisierte und künstlich erzeugte Blase von Einklang zwischen zwei Seelen, den es aber oft noch nicht und manchmal auch gar nicht gibt. 

Konformität ist ein Indikator der kapitalistischen Gesellschaft und zeigt eigentlich nur an, wie weit wir bereits von uns selbst (und Gott) weg sind. Konflikte hingegen zeigen, dass wir auf dem Weg der Selbstfindung sind. Und irgendwie scheint die Reibung wichtig zu sein; “am Du Ich werden” sei unsere ganze Aufgabe, meinte Martin Buber 1923. Das können wir nur in Beziehungen. 

Der Witz an Beziehungen ist also gerade der, dass wir uns nicht verstecken, verstellen, dem anderen ein Theater vorspielen und in eine Pseudo-Harmonie flüchten, sondern dass wir herausfinden, auf welchen Ebenen – sei es die intellektuelle, berufliche, freundschaftliche, spirituelle, emotionale, erotische, häusliche, biografische, politische oder gesellschaftliche –, echter Einklang zwischen zwei Seelen besteht und auf welchen Ebenen eben nicht. 

Einklang lässt sich weder erzwingen noch befehlen noch bewirken. Er gehört allein der Liebe und der Liebe ist es völlig egal, welcher Zustand herrscht, ob Konflikte, Waffenstillstand oder Harmonie. Sie steht über allem und so kann sie sich im Streiten genauso zeigen wie im Versöhnen, in einem Ja wie in einem Nein, im Schweigen und im Reden, im Weinen und im Lachen, im Bleiben und im Gehen, im Trennen und im Binden, in Allem und selbst im Nichts. 

Das einzige worauf es der Liebe ankommt, ist, dass sich zwei Menschen vom tiefsten Wesenskern ihres Seins her erleben, dass sie in dieser Wahrheit ganz gegenwärtig sind und eben nicht voreinander davonlaufen, erst recht nicht, wenn es ungemütlich wird. Die Liebe will nur, dass wir lernen, die Botschaft der Ungemütlichkeit auszuhalten, denn genau hier gibt es etwas zu holen.

Was ist das?

Es ist die Liebe selbst. Wahre Liebe finden wir nur, wenn wir das Gespräch mit den Menschen, die uns manchmal so furchtbar herausfordern, suchen und, wenn wir die Bereitschaft entwickeln, sie „so“ an- und ihnen „so“ zu zuhören, als ob wir sie wirklich verstehen wollten. Zum Handwerkszeug der Liebe gehört eine Form der Kommunikation, die genau nachfragt, wie sie denken und fühlen, was die Motive ihres Sprechens und Handels sind und was ihr Herz hinter all dem ist, das sie bewegt – nicht um danach noch besser den Stab über ihnen zu brechen, sondern damit die engen Grenzen UNSERES Verstandes aufbrechen und die Tore UNSERES Herzens aufgehen. Denn das hält uns von der Liebe fern, nie der andere. Die Liebe will, dass WIR UNSER Gefühlsspektrum erweitern. 

Was müssen wir dafür tun? 

Gar nicht viel. Wir müssen einfach nur aufhören, zu urteilen. Niemand hat das Wissen für einen anderen bekommen. Keiner kann für sich beanspruchen, zu sagen oder zu denken, „ich weiß, wie das Leben läuft. Das oder jenes müsstest Du jetzt richtigerweise denken, fühlen, sagen oder tun. Wieso in Gottes Namen machst Du nicht das (bzw. was ich will)?“ 

Wir wissen so wenig über uns selbst, bescheiden wenig! Wir verstehen kaum, warum wir uns so bedrängt fühlen, wenn unser Liebster Komplimente von jemand anderem bekommt. Wir durchschauen nicht, warum uns die Angst erfüllt, wenn sich unsere Liebste nicht (sofort) meldet. Wieder und wieder erleben wir Situationen, in denen wir neben uns stehen und ganz in die Verurteilung im Außen gehen. Wie viel weniger wissen denn dann schon über einen anderen? 

In Wahrheit doch nichts, selbst dann nicht, wenn wir Jahre mit ihm verbracht haben. Wie wahr das ist, sehen wir daran, dass wir uns kaum im Ansatz vorstellen können, was ein anderer Mensch, der uns gerade zur Weißglut treibt, im Inneren erlebt; auf welche Erfahrungen und Strategien er zurückgreifen muss, eben weil er nichts anderes gelernt hat; welche biografischen Trigger bei ihm anspringen und welche Werte in ihm zum Klingen und Klirren kommen durch die unterschiedlichsten Berührungen.

Liebe erfordert Demut. 

Sie beginnt dort, 

  • wo wir uns öffnen;
  • wo wir beginnen, uns für das zu akzeptieren, was wir in Wahrheit denken, fühlen, sagen und tun;
  • wo wir anfangen, uns zu respektieren und eben nicht zu verurteilen für die bewussten und bewussten Gründe, die uns dazu treiben;
  • wo wir zulassen, uns selbst, unsere eigenen Gedanken, unsere Geschichte und unsere Werte zu verstehen, uns zu verzeihen und zu trösten für all die großen, nicht zu Ende gedachten Entscheidungen und all die kleinen Fehltritte, die wir schon begangenen haben in der Hoffnung, dass keiner dabei zugesehen hat;
  • wo wir anfangen, uns selbst als Ganzes anzunehmen ohne einen Teil von uns abspalten, vernichten oder wegmachen zu wollen. Nur dann sind wir überhaupt erst in der Lage, einen anderen Menschen in seiner Wahrheit anzunehmen.

Was die Liebe braucht, ist: Wahrheit. Nicht die Art Wahrheit, alles und überall ungefragt und unreflektiert auszuplaudern, was einem gerade so durch den Kopf schießt, sondern die innwendige Wahrheit zu sein, wer und was wir sind. Wir dürfen nicht dabei stehen bleiben, vor allem das zu lieben, was wir verstehen, weil es so ist wie wir, weil es uns gefällt oder weil es uns nicht bedrängt. „Wenn ihr ‘‘nur‘‘ die liebt, die euch Liebe erweisen, was für einen Lohn habt ihr dafür zu erwarten?“ (Mt 5,44). 

Immer wenn Menschen uns also herausfordern und damit das Risiko eingehen, aus unserer Gunst zu fallen, sind sie in Wahrheit Diener der Liebe, denn sie laden uns dann ein, in eine Weite hineinzuwachsen, die Gott gehört: “Wie die Liebe eures Vaters im Himmel, so soll auch eure Liebe sein: vollkommen und ungeteilt” (Mt 5,48). In die Meisterschaft der Kunst des Liebens steigen wir auf, wenn wir anfangen uns zu fragen, was wir diesem Menschen, der uns durch seine Wahrheit (gewollt oder ungewollt) ein Stückchen näher zu Gott bringt, eigentlich Gutes tun können. 

Bild Beitrag #16

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