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28. Juli 2020

#16

Das Geheimnis weiblicher Führungsstärke

Bild Beitrag #16

„Merke es, Gott. Wir alle, die wir nur Menschen sind, arm und vergänglich, wir sollen das Böse des Neides bezwingen, Du aber, der Allmächtige, der alles erschaffen hat, aller Wesen Anbeginn ist und dem das Meer gehorcht, Du wolltest Dich nicht erbarmen? So Du Gott bist, Herr aller Fülle, muss Dein Langmut nicht ihren Übermut übertreffen und Dein Erbarmen nicht ihre Fehler? Nein, es darf nicht sein, dass sich vor Deiner Engel Antlitz ein Mensch beschämt und sie reden werden: da war eine Frau einst auf Erden, Rahel genannt, die bezähmte ihren Groll. Er aber, Gott, der Herr aller und des Alls, er diente seinem Zorn wie ein Knecht. Nein Gott, das darf nicht sein! Wenn Dein Erbarmen nicht ohne Ende ist, wenn Deine Liebe nicht ohne Grenzen ist, dann bist Du selber nicht unendlich, dann – bist – Du – nicht – Gott, der Gott, den ich schuf aus meinen Tränen und dessen Stimme mich rettete in meiner allergrößten Not. Ein fremder Gott bist du dann, ein Zorngott, ein Strafegott, ein Rachegott, und ich, Rahel, die nur den Liebenden liebt und nur dem Barmherzigen dient, ich verwerfe Dich vor dem Antlitz deiner Engel! Mögen diese hier, mögen deine Erwählten und Propheten sich beugen, ich aber beuge mich nicht. Gerade richte ich mich auf und trete in deine eigene Mitte, trete zwischen dich und dein Wort und klage Dich an.“

So beginnt die selbstbewusste und erschütternde Fürsprache einer Frau, von der man meinen möchte: Ist die denn noch zu retten? Was tut sie denn nur da? Wie kann sie es wagen, so mit dem Allerhöchsten zu sprechen? Aber Rahel ist klar bei Verstand, voller Liebe, Mitgefühl und Erbarmen und unverrückbar in ihrem Sein als sie mitten in das Grollen Gottes hineintritt, um ihm, Gott, dem Allmächtigen, die Stirn zu bieten und um ihn zu stoppen, zu zähmen und zu lenken. 

In seiner Erzählung Rahel rechnet mit Gott beschreibt Stefan Zweig, wie Gott gerade dabei ist, Jerusalem zu vernichten. Stink sauer ist Er wegen den Verfehlungen seines Volkes. Nicht genug, dass sie den Bund mit ihm vergessen haben, nun beten sie auch noch Götzen an, bringen ihnen blutige Opfer dar und huldigen dem Baal – und das alles in seiner heiligen Stätte. Das Faß läuft über. Sein Donner bricht los, so dass Himmel und Erde zittern, die Flüsse davon fliehen und die Meere sich verkriechen. Die Berge wanken wie Betrunkene und die Felsen beugen ihre Knie als wären sie aus Pudding. Vögel fallen tot vom Himmel und selbst die Engel verstecken sich unter ihren Flügeln. Dunkel wird es am Himmel und es verlischt jedes Licht, jeder Ton verstummt. Niemand, absolut niemand wagt es, Gott in seinem Zorn entgegenzutreten.

Nur eine wagt es: Rahel. Und Gott? Er „hielt einen Atemzug inne in seinem Ingrimm, auf daß er der Leidenden lausche. Sein Lauschen füllte alle Räume des Himmels mit Leere und tötete die Zeit. Kein Wind wagte es, zu wehen; es verbarg sich sogar der Donner. Das Kriechende kroch nicht, das Beflügelte flog nicht, und kein Hauch verließ eines Menschen Mund. Still standen die Stunden und wie tot harrten die Cherubim. Selbst die Sonne wandelte nicht und es rastete der Mond, und alle Ströme gingen stumm ein in seine Gegenwärtigkeit.“

Wie kam Rahel zu ihrer Rolle? 

Sie ist ihr zugefallen. In der ultimativen Gegenwärtigkeit Gottes trägt Rahel Ihm ihre Geschichte vor. Sie erzählt Ihm ALLES! Alles, was sie selbst erleiden und erdulden musste – so als hätte Er es nicht längst gekannt: Laban, ihren gefühllosen Vater, „hart wie die steinige Erde, die er wundriß mit dem Pflug, hart wie das Horn seiner Stiere, die er niederbeugte ins Joch.“ Ihren ersten Tod. Den erfuhr sie als Laban verlangte, dass Jakob, ihr Geliebter, zuvor sieben Jahre Dienst leisten müsse bevor er Rahel zur Frau nehmen dürfe. Jakob willigte sofort ein als hätte man ihm den besten Deal seines Lebens angeboten: „Jeder Tag dauerte tausend Tage unserer Sehnsucht, so liebten wir einander. Aber als sie vergangen waren, dünkten die sieben Jahre des Wartens uns nicht mehr denn ein einziger Tag.“

Wieder jedoch spielt der eigene Vater ihr übel mit und ihre kindliche Hoffnung stirbt endgültig: „Als dann zum siebten Mal das Jahr sich wendete, trat ich freudig vor meinen Vater und heischte das Zelt der Vermählung. Doch mein Vater sah hinweg über meine Freude.“ Laban verfügt, dass nicht sie, Rahel, Jakob heiraten werde – so wie es abgemacht war –, sondern Lea, ihre Schwester; sie wurden einfach ausgetauscht. Ok, nicht einfach so: Lea war die Ältere der beiden und wie Rahel meint „unschön hatte Gott das Gesicht ihr gestaltet“. Doch was kann Rahel dafür? Man wagt es kaum, sich vorzustellen, was in diesem Moment in ihr vorgegangen sein muss.  

Rahels Leiden findet aber noch lange kein Ende – vielmehr beginnt es gerade erst so richtig. Wieder muss sie sterben. Diesmal wegen ihrer eigenen Tat, über die sie später sagen wird: „Meine Tat, die einzige, deren ich mich rühme auf Erden, weil ich in ihr dir selber ähnlich ward in Langmut und Erbarmen – denn über aller Menschen Maß litt meine Seele Not und ich weiß nicht, ob du jemals, Herr, eine Frau so hart versucht hast auf Erden denn mich in jener unseligen Nacht.“ Aus Mitgefühl und Liebe zu ihrer Schwester deckt sie den unfassbaren Betrug an ihrem Geliebten. 

Erneut bricht eine Ewigkeit an; weitere sieben Jahre Dienst verlangt Laban vom betrogenen Jakob – vielleicht würde er ja diesmal Rahel bekommen, wer weiß schon, was bis dahin passiert. Ohne zögern willigt Jakob wieder ein – „so sehr liebte er Rahel.“ Rahels Seele jedoch findet fortan keinen Frieden mehr: Zorn, Eifersucht und Erniedrigung werden ihre ständigen und engsten Vertrauten. Der Alltag in diesem Schicksal gleicht einem einzigen Martyrium.

Woher nahm Rahel ihre Kraft? 

Ganz sicher: Ein glückliches Leben sieht anders aus. Jeder hätte Verständnis für Rahel gehabt, wenn auch sie sich von Gott ab- und anderen Göttern zugewendet hätte. Aber sie ließ einfach nicht los von Gott, keine Prüfung konnte sie je abbringen von Ihm. Er selbst ist es, aus dem sie alle Kraft schöpfte, um ihre Anklage gegen Gott zu Ende zu bringen: „Dein Zorn, Gott, widerspricht Deinem Wesen, und dein Grollen verleugnet dein eigentliches Herz. Willst Du echt der Harte sein, den Du da spielst? Wenn ja, dann wirf auch mich in die Finsternis zu meinen Kindern, denn als eines Zorngottes Antlitz will ich das Deine nicht schauen, und mich ekelt es vor der Wut Deiner Eifersucht. So Du aber der Barmherzige bist, den, den ich liebe von Anfang an und dessen Lehren ich lebe seit ich denken und fühlen kann – dann laß Dich endlich erkennen von mir, dann sieh mir doch ins Antlitz mit dem Leuchten Deiner Milde und verzeihe meinen Kindern, verschone die heilige Stadt.“  

Rahel stand fest auf dem Grund der Ewigkeit und war unbeirrbar in ihrem Denken und Fühlen und in dem, was sie von Gott zu verlangen beanspruchte. Sie war der Liebe verpflichtet. „Nachdem Rahel so das Schwert ihres Wortes in die Himmel gestoßen, brach ihr abermals die Kraft. Sie fiel hin in die Knie, rückgelehnt das Haupt in Erwartung des oberen Wortes. Verängstigt aber wichen die Patriarchen und Propheten von Rahels Seite, denn ein Blitz, fürchteten sie, müsse niederfahren auf die Frevlerin, die es wagte, mit Gott so ins Gericht zu gehen.“

„Die Engel aber, die vor Gottes düsterer Braue ihr Haupt unter den Fittichen verbargen und wie erstarrt auf die Verwegene blickten, die ihres Herrn Allmacht geleugnet hatte, sie sahen, daß mit einem Mal ein Licht ausging von Rahel. Wie von innen hob sich ihr Leib, um zu strahlen. Die Engel erkannten, daß Gott die Leugnerin seines Wortes, die Kühne, die Verwegene, die Tapfere mehr liebte um ihrer Liebe denn die Diener, die Frommen seines Worts, um ihrer Hörigkeit willen. Da wich der Engel Ängste, sie erhoben furchtlos ihre Augen, und siehe: es war wieder Helligkeit und Herrlichkeit um Gottes Gegenwart, und seines Lächelns beseligend Blau glänzte unendlich durch alle Räume des Himmels.“

Egal wie sehr ihr die Gesellschaft, die Umstände, ihre Beziehungen oder die Liebsten auch zusetzten, sie blieb im Herzen fest auf Gott gegründet. Und obwohl – oder vielleicht gerade deshalb – sie so vom Leben gebeutelt war, erreichte sie den Höhepunkt ihrer selbst. Sie hatte weder ein Ziel noch eine Agenda. Sie wollte nicht besonders mutig sein oder anerkannt und gelobt werden. Sie hatte alle Bedürftigkeit abgelegt. Sie war einfach im größtmöglichen Einklang mit Gottes Willen, “ihm ähnlich in Langmut und Erbarmen” und erreichte damit einen Stand von Liebe, indem sie alles ertragen, alles verstehen und alles fordern konnte. Rahel war eine Eingeweihte. 

Und das ist das ganze und einzige Geheimnis weiblicher Führungsstärke: Im Einklang mit Gottes Willen treten wir ein für Erbarmen, nicht für Gerechtigkeit.  

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