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22. September 2019

#8

Basis aller Beziehung 

Bild Beitrag #8

Blickt man hinter die Kulissen der Wirtschaft, der Politik oder gar mancher Beziehung, zeigt sich oft ein seltsames Bild. Statt eines harmonischen und respektvollen Miteinanders von Männern und Frauen, dessen Stelldichein wir nach dem großen Wurf der Emanzipation für selbstverständlich hielten, begegnen uns Dominanz- und Unterwerfungsgehabe auf beiden Seiten. Sowohl Männer als auch Frauen nehmen oft banale Kleinigkeiten zum Anlass für ein Kräftemessen. Erst wenn ein Zustand des „Ich = oben, Du = unten“ erreicht ist, sind sie scheinbar zufrieden. Bis zum nächsten Anlass eben. 

Die Emanzipation der Frau sollte die carte blanche in eine neue Welt sein. Eine Welt, in der Frauen endlich die Chance haben sollten, ein unabhängiges Leben zu führen, allein in teuren Wohnungen zu leben, aus dem Pool hervorragender Jobs den besten auszuwählen und mit so vielen Männern zu schlafen, ohne auch nur einen einzigen Gedanken an deren schmutzige Wäsche verschwenden zu müssen. Frauen sollten endlich ins „Haben“ kommen.

Um dorthin zu kommen, haben sie ihr archetypisches „Sein“ geopfert. Ihr archetypisches Sein, das oft mit Beziehung gleichgesetzt wird, schien besonders den Feministinnen unzweckmäßig für ihre Ziele. Sie begannen Leistung und Produktion für wichtiger zu halten als die unproduktive, unentgeltliche Beziehungspflege.

Sie meinten mehr noch, dass Macht in einer patriarchalen Welt ausschließlich mit Androzentrismus, also männlichen Denk- und Handlungsmustern, erreicht werden könne. Sie schlossen daraus, den Archetyp des Weiblichen überwinden und den Archetyp des Männlichen idealisieren zu müssen. Das hat ihnen zwar die Türe in so manches Vorstandsbüro geöffnet, aber eben auch das Urvertrauen in eine göttliche Ordnung zwischen den beiden Geschlechtern zerstört.

Was ist Urvertrauen eigentlich?

Urvertrauen ist ein dem Menschen angeborenes Gespür. Ein Gespür für die Kontinuität des eigenen wie des anderen Seins in Beziehungen. Ein Gespür für die Kontinuität der eigenen wie der anderen Identität über Zeit. Urvertrauen basiert also auf Beziehungsfähigkeit. Hierzu schreibt der Beziehungsexperte Martin Buber in seinem Werk Ich und Du: „Das Leben eines Menschenwesen besteht nicht aus Tätigkeiten allein […]. Ich nehme etwas wahr. Ich empfinde etwas. Ich stelle etwas vor. Ich will etwas. Ich fühle etwas. Ich denke etwas“ (S. 4). Die Summe der Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse und Wahrnehmungen machen das Reich eines Ichs aus. Das Reich eines Dus setzt seine Summe aus völlig anderen Gedanken, Gefühlen, Bedürfnissen und Wahrnehmungen zusammen.

Warum ist Urvertrauen so wichtig?

Urvertrauen ist nach Buber die Zutat, die echte und lebendige Beziehungen überhaupt erst möglich macht. Es eröffnet einen geistigen Raum, in dem ein Ich an einem Du und ein Du an einem Ich wirken bzw. werden darf. Nur dort, wo ein Ich einem Du liebend und respektvoll begegnen kann, entstehen Beziehungen auf Augenhöhe. Im Urvertrauen ruht also ein Geist, der sich bewusst ist, dass in einem Mann ein tief verborgenes Geheimnis liegt, ebenso wie in einer Frau.

Diese Geheimnisse kann man aber weder mit der Brechstange hervorholen noch kann man sie in politische Kategorien zerstückeln. Die Geheimnisse lassen sich nur entlocken. Wie? Indem man in Beziehungen – privat wie beruflich zwei scheinbar widersprüchliche, aber völlig gleichwertige Appelle akzeptiert. Der eine lautet: Dominiere bzw. töte mich emotional nicht (Autonomie). Und der andere lautet: Lass mich in meiner Sterblichkeit bzw. Unvollkommenheit nicht allein (Nähe). 

Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Wahrheit echter Beziehungen. Ja, richtig gelesen: „bewegt sich“. Die Wahrheit echter Beziehungen verändert sich. Sie ist nichts Statisches, sondern etwas, das sich mehr und mehr offenbart. Männer und Frauen machen sich jedoch nur dann auf die Suche nach der Offenbarung, nach dem Geheimnis im anderen, wenn sie Urvertrauen haben. Misstrauen hemmt die Entdeckerlust am anderen. Misstrauen versucht vielmehr das Pendel zwischen Autonomie und Nähe krampfhaft auf eine Seite zu ziehen. Dort kann es sich aber nicht ausdehnen, sondern nur zusammenziehen und um sich selbst kreisen – bis es früher oder später völlig erschöpft in narzisstischem Egozentrismus verkümmert.

Und leider sehen die Perspektiven für echte, lebendige Beziehungen im Zeitalter des Feminismus nicht gerade rosig aus. Die Psychologin Polly Young-Eisendrath fand heraus, dass Männer wie Frauen in Zukunft sehr viel Kraft aufwenden müssen, um das Pendel überhaupt wieder in Schwung bekommen zu können. In ihrem Buch Der Kuss der Froschkönigin stellt sie fest, dass sich sowohl Jungen als auch Mädchen aktuell lieber mit männlichen Attributen wie Stärke, Rationalität, Sachlichkeit, Vernunft, Analytik und Macht identifizieren, da diese für “überlegen” gehalten werden. Um für weiblich gehalten zu werden, sind Mädchen gezwungen, sich mit weiblichen Eigenschaften wie Empathie, Herzlichkeit und Beziehungsfähigkeit zu identifizieren. Diese gelten in unserer materialistischen Gesellschaft – weil sie weniger zu Geld zu machen sind – jedoch eher als Schwäche. Daraus leitet Young-Eisendrath ab, dass eine Identifizierung mit den “unterlegenen” weiblichen Eigenschaften auf Kosten des weiblichen Selbstwertgefühls geht (S. 20f). 

Ich frage mich seither, ob nicht hier der echte Hebel für die Emanzipation gewesen wäre? Hätten die Emanzipation und der Feminismus nicht eine wirkliche Erfolgsgeschichte werden können, wenn sie sich andere Ziele gesetzt und einen anderen Stil propagiert hätten? Warum haben sie nicht versucht, die weiblichen Stärken, Talente und Fähigkeiten besser kennen- und lieben zu lernen und vor allem wertschätzend darüber zu sprechen statt sie abschaffen zu wollen? Ernsthaft: Soll sich die Freiheit von Frauen und Mädchen wirklich im Korridor zwischen “identifiziere Dich mit männlichen Eigenschaften und fühle Dich gleichwertig” oder “identifiziere Dich mit weiblichen Eigenschaften und fühle Dich minderwertig” abspielen? Soll das wirklich unser Angebot für eine gesunde und aufgeklärte Zukunft sein?

Was für ein Geist ist da eigentlich am Werk?  

Offenbar einer, der das Verhältnis von Ursache und Wirkung völlig korrumpiert. Eine geistige Haltung, die den Archetyp des Weiblichen klein hält und den Archetyp des Männlichen erhöht, kann gar nichts anderes hervorbringen als eine konfliktgeladene Atmosphäre aus Machtkämpfen. Wie eine Gesellschaft denkt, so lebt sie bzw. „wo keine Offenbarung ist, wird das Volk wild und wüst“ (Sprüche 29,18). Und irgendwie scheint da etwas dran zu sein. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde leidet jeder vierte Erwachsene einmal an einer psychischen Erkrankung. Zu den häufigsten Krankheitsbildern zählen dabei Angststörungen, Depressionen und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentengebrauch. 

Das kann auch nicht überraschen. Wir sind hier angekommen aufgrund der feministischen Glaubenssätze, die in unserer Gesellschaft gebetsmühlenartig verbreitet werden. Und wahrscheinlich werden wir hier auch noch eine Zeit lang von unseren äußeren Umständen herumgeschubst werden. Zumindest solange wie wir ernsthaft glauben, dass das archetypisch Weibliche politisch verhandelt werden könnte. Das archetypisch Weibliche ist aber keine politisch verhandelbare Norm. Folglich werden wir die Beziehungsprobleme zwischen Männer und Frauen auch nicht durch Minderheitenrechte lösen können.

Wir werden die Beziehungen zwischen Männer und Frauen nur dann verbessern können, wenn beide wieder Urvertrauen in ihren eigenen und den anderen Archetypen entwickeln. Wahrhaftigkeit statt Anpassung ist das Credo. Dazu muss das angeborene Gespür des Urvertrauens wieder aktiviert werden. Wie es aktiviert werden kann, verrät der Arzt, Alchemist, Mystiker und Philosoph Paracelsus: „Wer meint alle Früchte würden gleichzeitig mit den Erdbeeren reif, versteht nichts von den Trauben. Wer nichts weiß, der versteht nichts und dem ist nichts lieb. Wer aber versteht und sieht, der liebt. Denn je mehr Erkenntnis und Verständnis einer erringt, desto größer ist seine Liebe.“

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#7  Vom schwächeren Gefäß

Bei einer Auktion in England wurde eine 270 Jahre alte chinesische Vase für umgerechnet ca. 60 Millionen Euro versteigert. Sie ist damit das teuerste Gefäß der Welt. Das ist für sich genommen noch nichts Besonderes. Für chinesische Vasen legen Sammler ja schon mal gern Millionen hin. Erstaunlich ist nur, dass etwas so Zartes und Zerbrechliches, ein so hohes Gebot hervorrufen kann. Liegt der hohe Wert vielleicht gerade in der Zartheit und Zerbrechlichkeit?    

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#6  Wo bist du?

Von Martin Buber stammt folgende Anekdote. Ein junger Mann fragt einen Weisen: „Wie ist es zu verstehen, dass Gott, der Allwissende, zu Adam spricht: Wo bist Du? Wenn Gott doch der Allwissende ist, warum muss er ihn dann fragen?“ Der Weise antwortet ihm: „Gott ruft Adam nicht, weil er etwas von ihm erfahren möchte; er ruft ihn, weil er damit etwas bewirken möchte.“ Adam versteckte sich vor der Rechenschaft und drückte sich vor der Verantwortung. Adam? Der war in Wirklichkeit ich. Wie er versteckte ich mich – nicht hinter einem Feigenblatt, aber hinter einer dicken Mauer aus Leistungs- und Karrieredenken. 20 Jahre lang drückte ich mich vor Verantwortung für die Lebenslügen, die ich um mich herum aufgebaut hatte.